Also es wäre schön, wenn ich ihn einfach bei Dir abge.. lassen könnte.
Ich merke, das Wort ‚abgeben‘ fällt Dir schwer, oder?
Ja, tatsächlich. Ich bin es nicht gewohnt.
Das ist völlig in Ordnung. Du darfst das so sagen. Du darfst Dein Kind bei mir abgeben.
Was für viele Eltern bereits recht früh zur Normalität wird, lerne ich gerade erst so richtig kennen. Während die meisten Kinder mit einem Jahr oder etwas später den Weg in eine Betreuung finden, die nicht durch die Eltern gewährleistet wird, kommen wir nun immer mehr darin an. Jetzt, wo unser Herzenskind kurz vor Beginn der Schulzeit steht.

In nicht mal vier Wochen jährt sich die Geburt unseres Kindes zum sechsten Mal. Wir haben in den vergangenen Jahren kitafrei gelebt. Weil es einfach nicht ging. Was heißt ‚einfach‘? Einfach war das nicht immer. Komplett alleine für die Betreuung und Versorgung zuständig zu sein, rund um die Uhr, ohne viele Pausen, war kräftezehrend und anspruchsvoll. Seitdem wir von unseren Autismus-Spektrum-Störungen wissen, kann ich zunehmend anerkennen, was mir das alles abverlangt hat. Besonders heute, nachdem eine unruhige Nacht mit wenig Schlaf (Schnupfen des Kindes sei dank) meine Kräfte und Konzentration ankratzt, wird mir noch einmal bewusst, dass ich in dieser körperlichen und mentalen Verfassung eine sehr lange Zeit die Tage durchlebt habe. Ich frage mich gerade, wie ich tatsächlich noch gerade aus laufen kann, nach all den Jahren Schlafmangel und permanenter Verfügbarkeit.
Wie oft durfte ich die gut gemeinten Worte hören: „Gib doch was ab von den Aufgaben!“ Hab ich. Immer wieder. Ich habe es versucht, im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten. Aufgaben und Verantwortung abgeben braucht bei mir vor allem eines: Vertrauen. Ich muss darauf vertrauen, dass der andere es gut hinbekommt. Dass nichts vergessen wird, was wichtig ist. Es muss nicht so gemacht werden, wie ich es mache – denn viele Wege sind richtig und vor allem bereichernd.
Manch einer würde jetzt schnell behaupten, dass da ein Kontrollbedürfnis verborgen liegt. Aber warum möchte jemand etwas kontrollieren? Weil es Sicherheit gibt. Auch hier hilft mir wieder zu wissen, dass es für Menschen im Autismus-Spektrum nochmal eine ganz entscheidende Rolle spielt, eine gewisse Vorausschaubarkeit zu haben. Zu wissen, wie etwas ablaufen könnte, beruhigt das Nervensystem. Natürlich, das Leben hält stets Überraschungen und unvorhergesehene Wendungen bereit – und das zu verarbeiten, kostet viel Energie. Energie, die sowieso schon ziemlich limitiert ist, wenn das Nervensystem sensibel und mit zu wenigen Filtern ausgestattet ist.
Auch hier kann man wieder argumentieren: Frag nicht, ob ich es kann – sondern frag mich, was es mich kostet. Verantwortung abzugeben klingt in der Theorie leicht und von Außen betrachtet ist es sowieso meist einfach daher gesagt. In meiner kleinen Familienblase haben wir es in den vergangenen Jahren immer wieder versucht, Verantwortungen aufzuteilen. Hier und da ergeben sich immer mehr Möglichkeiten. Wo ich in den ersten Jahren noch die absolute Nummer eins für unser Herzenskind war, konnte ich mit der Zeit die Verantwortung Stück für Stück aufteilen – was mich zum einen für Momente entlastet hat, doch ich war oft im Nachgang doch noch für die Regulation unseres Kindes zuständig. Die mittlerweile häufig öffentlich propagierte Aufteilung der Care-Arbeit ist bei uns eben nicht zu gleichen Teilen möglich – aber für uns passt das so. Jeder tut das, was er gut kann. Und wenn’s einer mal nicht machen kann, wird es der andere im Notfall schon hinbekommen. Es wird dann anders, als gewohnt – doch in der Not ist es nur wichtig, dass es irgendwie läuft.
Ich hinterfrage schon lange, warum sich bei mir dieses große Verantwortungsbewusstsein entwickelt hat. Und ich kann sagen, dass es sich aus vielen Faktoren und Umständen heraus ergeben hat. Jetzt darf ich schauen, wie ich mich Stück für Stück davon befreien kann – was wirklich ein langwieriger Prozess ist. Aber gut. Ich bin dran. Schaue hin. Entwickele ein Bewusstsein für das, was ich jeden Tag so mache und spüre rein, wo ich abgeben kann. Jede Erfahrung, die ich gerade sammele, sobald ich Verantwortungen teilen oder zeitweise ganz abgeben kann, lässt mich in dem Vertrauen und in der Sicherheit ankommen, dass es auch ohne mich läuft. Und dass dieser Prozess momentan so Fahrt aufnimmt in mir und um mich herum, lässt mich positiver auf die kommenden Monate blicken, in denen der neue Lebensabschnitt für unser Herzenskind beginnt.
