
Als ich gestern durch einen Bahnhof hindurch ging, spürte ich Unbehagen. Irgendwie haben manche Unterführungen etwas Bedrückendes und ich nehme automatisch eine schnelle Laufgeschwindigkeit ein, weil ich zügig aus diesen Bereich heraus möchte.
Auf dem Rückweg aber blieb ich stehen und schaute mir für einen Moment die vielen Graffiti an, die beinahe auf jeder kleinsten Fläche an Wänden und Decken platziert wurden. Den modrigen Geruch, der mit einer Note von Urin versehen war, versuchte ich etwas auszublenden, was mir nur schwer gelang.
Diese vielen bunten Schriften und Bilder sehen in der Gesamtheit unruhig aus. Runtergekommen. Einige sind lieblos an die Wände gesprüht worden und dienen offenbar nur der Markierung „Hier war ich – guck mal!“. Doch wiederum andere sind wirklich kleine Kunstwerke und man kann erkennen, dass da schon ein gewisses Talent vorliegen muss, solche Schriftarten und Karikaturen zu sprühen.
Irgendwie fühlte es sich für einen Moment bekannt an. Ich sah mit einmal vieles von dem, was in mir tief verborgen liegt. Die verschiedenen Abschnitte meines Lebens, die Markierungen auf meiner Seele und in meinem Körper hinterlassen haben. Die einst frisch, bunt und leuchtend wirkten – und nun abgenutzt, beinahe leblos daherkommen. Irgendwo habe ich selbst mit einem neuen Abschnitt frisch drüber gepinselt, weil die Leinwand des Lebens voll von Erfahrungen war. Doch alles ist da. Gleichzeitig. Hier und da bröckelt die Farbe und ich kann sehen, was darunter verborgen liegt. Nicht alles davon sieht noch schön aus. Nicht alles davon möchte ich noch in meinem heutigen Lebensabschnitt anschauen. Manches davon darf ich noch einmal betrachten – denn es nimmt Platz weg im Hier und Jetzt.
Und ich spüre, dass da frische Farben drauf wollen. Dass meine innere Leinwand des Lebens wieder strahlen will.

Ich habe mich noch einmal selbst in die Tiefe gerissen. Es ist dunkel. Ich kann kaum klar sehen, geschweige denn klar denken. Als würde einiges aus meinem Untergrund hinauf geweht werden – und ich verschwinde beinahe in diesem modrigen Nebel aus Erinnerungen, Prägungen und Wunden.
Ich finde da wieder raus. Bestimmt.
Doch erstmal darf ich hinschauen. Versuchen, das ein oder andere aufzulösen, was mir nur noch Kummer und Erschöpfung bringt.
Dann wird es wieder klarer und ich werde den Ausgang finden. Einen frischen Eimer Farbe besorgen und einen neuen Anstrich wagen. Doch dann werden hoffentlich einige der alten, unansehnlichen Farben abgetragen sein und Platz machen für all das Schöne, was da noch kommen möchte.
