Herantasten

Langsam. Ganz langsam taste ich mich heran. Das Wasser ist noch heiß. Zu heiß, um mal eben schnell die Füße hinein zu stecken.

Der erste Versuch, ohne vorher die Temperatur zu testen, endete in einem stechenden Schmerz, den ich bis in meine Haarspitzen spüren konnte.

Ohne Vorbereitung verbrenne ich mich.

Langsam. Nach und nach. Millimeter für Millimeter tauche ich zunächst den einen, dann den anderen Fuß in das wohltemperierte Nass, das mir eine kleine Einheit Selbstfürsorge und Wellness eröffnet. Nach einiger Zeit stellt sich eine Art Gewöhnung ein: Meine Füße akzeptieren die Temperatur und ich kann sie in Gänze in die milchige Flüssigkeit eintauchen.

Es ging nicht schneller.

Ich hätte mich verbrannt.

Hätte irrsinnige Schmerzen erdulden müssen.

Und wozu? Damit ich schneller mein Fußbad beginnen kann?

Eigentlich habe ich doch Zeit. Oder nicht?Ich kann warten. Bis es für mich passt. Darf mir Zeit lassen. Muss nichts überstürzen.

Und dabei fiel mir direkt ein, was so alles von kleinen Menschen erwartet wird. Wie schnell Gewöhnung stattfinden soll.

Wie gut mein Herzenskind seine Grenzen kommuniziert und ein Gespür für sein eigenes Tempo hat. Langsam herantasten. Ein Zu-schnell hatten wir oft – und brachte Verbrennungen und Schmerz. Sich wieder in unbekannte Gewässer zu trauen, benötigt zunächst Zeit, bis die Wunden annähernd verheilt sind. Und er spürt: Es ist nicht ganz abgeheilt. Noch irgendwie in Lauerstellung, mit einer gewissen Anspannung, dass es wieder zu schnell gehen könnte. Dass Verbrennungen entstehen könnten.

Dieser kleine Mensch darf sich ebenfalls so viel Zeit nehmen, um sich heranzutasten – so, wie sich jeder Mensch an Unbekanntes heranwagt. Niemand kann sagen, wann er soweit ist, außer er selbst.

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