Verzettelt

Klatsch.

Autsch.

Ich bin schon wieder über mich selbst gestolpert.

Und so saß ich gestern Abend da auf dem Boden der Tatsachen mit zerschürften Knien. Weinte mir die Augen aus. Wie ein kleines Kind.

Ich hatte einen Fehler gemacht. Das wusste ich schon, bevor meine Freundin es mir in ihrer Entrüstung per Sprachnachricht mitteilte.

Ich durfte in den vergangenen Tagen mal wieder die Auswirkungen meines ADHS-Konfettis spüren. Zu viel auf dem Zettel. Zu wenige Ressourcen, auf die ich zurückgreifen könnte. Und irgendwie schien alles wichtig in meinem Kopf – weshalb die Prioritäten nicht mal eben flott getroffen werden konnten. Das kommende Wochenende benötigt etwas Vorbereitung, weil wir auf Heimatbesuch sein werden. Zwei Termine mit Herzenskind standen dieser Tage noch an. Irgendwo dazwischen der übliche Kram, den man so vor einer Reise machen muss – Wäsche waschen, Inhalt von Gepäck durchdenken. Bloß nichts vergessen!

Ja und dann. Dann kam da dieses herzensgute Angebot einer Freundin dazwischen, die anhand meiner Beiträge herausgelesen hat, dass mir etwas Zeit für Selbstfürsorge ganz gut tun könnte. Ich war sehr gerührt und wusste, dass wir uns für ein Treffen zeitlich in der Unendlichkeit verlieren, wenn wir es nicht zeitnah umsetzen – denn ihr Kalender ist meistens ziemlich gut gefüllt und auch in unserem Alltag ist Spontanität nicht immer so drin. Darum versuchte ich spontan zu sein. Spürte mein Bedürfnis, mal rauszukommen. Quetschte ein Treffen zwischen all die offenen To Dos – in der Hoffnung (oder vielleicht eher Naivität?), das ich das schon alles hinbekommen werde.

Long story short: Hat nicht geklappt.

Ich saß gestern viele Stunden an einem Projekt, das ich bis Freitag abgeschlossen haben wollte – und es blieb deswegen bereits vieles von dem auf der Strecke, das ich noch auf dem Zettel stehen hatte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich für Herzenskind auch nicht ganz auf Sendung war. Die Uhr tickte. Und ich spürte den inneren Druck aufkommen, dass mir das Treffen mit meiner Freundin leider die Zeit nehmen würde, die ich zum Beenden des Projektes dringend benötigte. Ich machte etwas, das mir immer wirklich ausgesprochen unangenehm ist – und bei dem ich weiß, dass es auch dem anderen zurecht sauer aufstößt:

Ich sagte kurzfristig ab.

In dem Wissen, dass meine Freundin in ihrem eng getakteten Terminkalender sicherlich auch unter Anspannung stand und darüber nicht erfreut sein würde, schickte ich die Nachricht eineinhalb Stunden vor unserem geplanten Treffen ab. Ich hoffte, sie würde es noch rechtzeitig während ihres vorherigen Termins lesen können.

Nun könnte man sagen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Doch nach der Nachricht meiner Freundin weiß jetzt tatsächlich nicht, ob es überhaupt nochmal zu einem Treffen kommen wird – weil die Entrüstung meiner Freundin deutlich hörbar war und das Angebot gänzlich zurückzogen wurde.

Es erinnerte mich unmittelbar an eine Situation mit einer anderen Freundin vor vier Jahren, als ich aufgrund meiner persönlichen angespannten Umstände eine Verabredung vergaß und sie praktisch umsonst die Strecke zu mir fuhr – was letztlich dazu führte, dass wir eine lange Zeit nichts mehr voneinander hörten, denn ihre Enttäuschung und meine Verunsicherung nach meinem Fehlverhalten war zu groß.

Gestern war ich wütend auf mich. Weil mein Kopf so chaotisch ist. Weil ich all die anstehenden To Dos nicht ordentlich priorisieren konnte und sie mit sämtlichem Bedürfnissen kollidierten. Wieder einmal nahm ich mich selbst als unzuverlässig wahr und breitete diese Annahme auf sämtliche Lebensbereiche aus. Ich spürte schmerzlich die Konsequenz meiner Fehlentscheidung – und weinte mir erstmal die Augen aus. Immerhin liegt es mir absolut fern, meine Mitmenschen zu verärgern oder tief zu enttäuschen – doch springe ich ab und an mit Anlauf ins Fettnäpfchen, das ich mir selbst in den Weg stelle.

Hab wieder was draus gelernt. Zu dicht gepackte Termine und To Dos liegen nicht mehr im Bereich meiner Möglichkeiten. Ich bin nicht mehr so flexibel, wie ich es mir wünschen würde. Planung und Struktur sind sicherlich sinnvoll – habe ich auch. Leider passieren eben dennoch unvorhergesehene Dinge oder etwas beansprucht mehr Zeit und Energie, sodass Pläne nochmal neu geplant werden dürfen. Nicht von allen kann ich stets auf Verständnis hoffen, weil Lebensrealitäten unterschiedlich sind. Und bei allem Verständnis, darf da dennoch Entrüstung und Frust sein.

Und so habe ich gestern mein inneres Kind wieder spüren dürfen, das von meiner herangewachsenen Bianka aufgerichtet wurde. Denn es stellte sich danach wieder etwas Frieden in mir ein. Ja, eine Art verständnisvolle Ernüchterung. Ich kann die Reaktion meiner Freundin absolut verstehen und nachvollziehen – doch ich werde mich wegen dieser Fehlentscheidung, die ich aus dem inneren Chaos in mir heraus getroffen habe, nicht tagelang rügen. Ich weiß nicht, wie ich mich nun verhalten soll. Wie es mit dieser Freundschaft weitergeht. Ob es nur ein kurze Erschütterung war oder sie eine tiefe  Kluft hervorgebracht hat. Aber ich mache mich deswegen tatsächlich nicht verrückt. Es wird sich zeigen. Und in der Zwischenzeit lerne ich weiter. Vor allem, wie ich mich noch besser sortieren kann, sollte wieder zu viel auf einmal auf dem Zettel stehen.

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