
Heute morgen blickte ich auf den Kalender und dachte kurz über das Datum nach. Jemand, den ich kenne, hat Geburtstag. Doch ich gratuliere ihm nicht mehr.
Bereits vor zwei Wochen fiel mir an einem Wochentag ein, dass da jemand den 16.Geburtstag feierte. Früher habe ich jedes Jahr Glückwünsche gesendet – manchmal feierte ich sogar mit. Doch seit vier Jahren herrscht Funkstille. Ich habe innerlich mit dieser Verbindung abschließen können – denke ich.
Ich hatte schon immer ein gutes Gedächtnis für Daten. Konnte mir verlässlich Geburtstage merken und dachte stets an die Menschen, um ihnen mindestens Glückwünsche per Nachricht zu übersenden. Früher nahm ich das noch sehr genau. Doch mit der Zeit entspannte ich mich dahingehend. Mein Blick auf die Menschen in meinem Leben hat sich etwas verändert.
Oft wird bildhaft davon gesprochen, dass manche Menschen für eine gewisse Zeit im Zug unseres Lebens mitreisen. Nicht alle bleiben von Anfang bis Ende unseres Lebens. Immer wieder steigen einige aus – weil die gemeinsame Reise nicht für längere Zeit vorgesehen ist. Einige fahren nur für wenige Stationen mit. Jeder Mensch, der in meinem Zug mitreiste, war mir wichtig. Irgendwie wollte ich wohl mit allen eine gute Zeit haben: Tiefgründige Gespräche führen, sich gegenseitig beim Wachsen zusehen und oft das Leben auch mal leichter nehmen. Sobald absehbar war, dass die gemeinsame Reise ihr Ende fand, brauchte ich viel Zeit und Raum, um diesen Abschied zu verarbeiten. Manches Mal fragte ich mich, ob ich der Grund war. Ob meine Fehler so gravierend waren, dass daran die Verbindung zerbrach. Lange Zeit gab ich mir ausnahmslos für das Ende einer Freundschaft oder Beziehung die alleinige Verantwortung. Doch so einfach ist es eben nicht. Mit der Erkenntnis, dass eine Beziehung von mehreren Seiten Mitarbeit benötigt und sich viele Faktoren be(un)günstigen können, zog etwas mehr Frieden und Verständnis ein.
Manchmal passt es einfach nicht mehr. Und so richtig sagen kann man es oft auch nicht, was da jetzt nicht mehr passt. Aber da ist ein Gefühl, eine Energie. Etwas, das einen nicht mehr los lässt. Und so erging es mir in einigen Verbindungen.
Als ich an die Geburtstage der Menschen dachte, die mittlerweile nur noch ein Teil meiner Vergangenheit sind, wurde mein Herz doch für einen Moment schwer. Allem voran, weil es mir Leid tut, wie sich unsere Wege trennten. Weil man keinen sauberen, friedlichen Abschluss finden konnte. In der Geschichte dieser Menschen komme ich nicht gut weg. Damit kann ich leben. Mittlerweile. Denn mit der vielen Arbeit an mir selbst, dem Reflektieren meines Verhaltens und der wachsenden Akzeptanz all meiner Facetten kann ich mich aus der unnötigen Überverantwortung für das Gelingen einer Beziehung befreien. Es ist ein Zusammenspiel.
Vielleicht war ich manchmal feige. Vielleicht wählte ich den einfachen Weg und stieg abrupt aus dem Zug der anderen aus. Vielleicht hätte ich die gemeinsame Reise noch länger fortführen und mehr Erfahrungen sammeln können – aber in manchen Zügen fühlte ich mich nicht mehr wohl. Da war es zu schnell. Zu chaotisch. Zu dreckig. Zu laut. Zu eng. Manch einer fuhr pausenlos durch und öffnete nicht mal die Fenster. In manchen Zügen hatte ich das Gefühl, gemeinsam in einen Abgrund zu fahren. Viele Wege führen zwar ans Ziel, heißt es. Aber manch eine Zugverbindung bringt mich eben in eine komplett andere Richtung, als ich mir wünsche. Auch das ist eine Erfahrung. Auch das lässt mich wachsen. Doch nach vielen scheinbar endlosen Fahrten in die immergleichen Gebiete, in denen ich mich nicht wohl fühlte, möchte ich nun bewusster wählen, bei wem ich einsteige und wer bei mir mitfahren darf.
