„Na das geht doch langsam in die richtige Richtung..„, sagte sie und hielt schließlich kurz inne.
Bemerkte scheinbar selbst, dass ihre Wortwahl nicht ganz passend war.
„..also ich meine, es geht voran..“, hing sie hinten an.
Und ich fragte mich unmittelbar, woran Fortschritt messbar ist.
Ein kurzer Plausch im Juni über die Schulsituation von Herzenskind. Neben mir eine Frau Ende 50. Zwei erwachsene Kinder. Und etliche Erzählungen ihrer Vergangenheit in meinem Gedächtnis, aus denen deutlich wird: Eltern haben immer gearbeitet. Kinder wurden betreut, gingen vorbildlich in die Schule. Eine Lebensrealität, die von unserer abweicht. Keine davon ist richtiger. Aber eine davon entspricht eher einer sogenannten Norm. Umso häufiger wurde über die Jahre wohl etwas besorgt auf die Lebensrealität unseres Herzenskindes geblickt, dessen Verhalten seiner Umwelt gegenüber sämtliche normative Vorstellungen von kindlicher Entwicklung sprengte. Getreu dem Motto: Kinder müssen unter Kinder.
Ich fragte mich weiter, für einen kurzen Moment, ob Menschen im Außen unsere Situation als Stillstand deuten könnten – während ich an so vielen kleinen Stellen Reifeprozesse im Alltag mit Herzenskind erkenne, die nach außen hin nur (noch) keine große Wirkung zeigen. Diese zähle ich nicht haarklein auf, denn es hat für andere keine Relevanz. Muss es auch nicht.
Im Juni, im Moment dieses Gesprächs hatte ich ebenfalls den Eindruck, dass Herzenskind in seinem Tempo an diesem normalen Leben in der Gemeinschaft teilhaben kann. Dass er daran wächst und Vertrauen findet – vor allem in seine eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Er nimmt auf seine Weise an dem Leben in der Gemeinschaft teil und zeigt mir dabei immer wieder, wie sein Bedarf dafür ist, wie es ihm danach geht.
Drei Monate nach diesem Gespräch befinde ich mich mit Herzenskind an einem ähnlichen Punkt, wie ein Jahr zuvor. Druck rausnehmen. Abwägen, abwägen, abwägen – wie viel Anforderung schafft er? Und ich bin dabei, unentwegt mit dem Außen zu korrespondieren – denn für die meisten ist das ungewöhnlich.
Was macht man, wenn ein kleiner Mensch einfach (noch) nicht gut in Gruppen sein kann? Wenn selbst drei Menschen in einem Raum einer zu viel ist? Will ich, dass mein Kind ständig mit Kopfschmerzen und Erbrechen wertvolle Lebenszeit auf dem Sofa verschläft, weil die Anforderungen weniger Stunden ihn bereits massiv erschöpfen? Wie sehr ich Aktivitäten unter Menschen mit ihm abwägen muss, ist für viele vermutlich kaum vorstellbar oder gar nachvollziehbar.
Also, wenn „die richtige Richtung“ bedeutet, dass mein Kind in der Lage ist, täglich mehrere Stunden in Gesellschaft vieler gleichaltriger Kinder bleiben und eine gewisse Arbeitsleistung erbringen zu können, weil es gewisse Regeln und Pflichten so erwarten – ja, dann muss ich leider einige Menschen enttäuschen und ihnen bei Bedarf erklären, warum mein Kind irgendwie seine ganz eigene Richtung findet. Und wir begleiten ihn dabei. Weil uns sein Wohl sehr am Herzen liegt.

