Schule

Zur Zeit flattern etappenweise immer wieder Informationen über mögliche Schulen für’s Herzenskind ins Haus. Hier und da habe ich Anmeldungen abgegeben, Gespräche geführt und vor Ort einen Eindruck gewonnen. Irgendwie haben wir eine Wahl, aber eben auch genauso die Qual. Denn wenn wir eine passende Schule gefunden haben, hängt noch ein Rattenschwanz an Anträgen, Terminen und Gesprächen dran.

Plötzlich ist es also da. Dieses große Thema. Und ich spüre, wieviel Verantwortung an der Entscheidung hängt. Wie weitreichend sich das auf unser Herzenskind und unser Leben auswirken wird. Es ist viel Ungewissheit und natürlich auch Sorge beigemischt. Vor allem in Bezug auf das, was sich so im Schulalltag ergeben könnte: Leistungsdruck, Mobbing, Konkurrenzdenken, Unverständnis. Wir wissen, dass unser Kind in einer Regelschule nicht gut aufgehoben wäre und schauen nach Alternativen. Denn es ist mittlerweile wohl nicht mehr von der Hand zu weisen, dass der Rahmen in Regelschulen nicht für alle Kinder wirklich sinnvoll und gewinnbringend ist.

Heute ist der Druck noch höher, als zu meiner Schulzeit – und schon dort habe ich mich häufig gefragt, wie man das alles schaffen soll. In jedem Fach einigermaßen gut abzuschneiden, einen vorzeigewürdigen Notendurchschnitt hinzubekommen – immer mit dem Blick auf Später und dem Gedanken, dass man mit einem guten Abschluss einen guten Job bekommt. Das war mein Antrieb damals. Ich habe geackert und versucht, in allen Fächern gute Noten zu erarbeiten. Dass ich es tatsächlich bis zum Abitur geschafft und dabei sogar einen guten Durchschnitt bekommen habe, lässt mich heute verwundert zurückblicken. Auch in Hinblick auf meine Autismus- und ADHS-Diagnose. Die Schultage waren die reinste Reizüberflutung, ich konnte das Verhalten meiner Mitschüler und Lehrer oft nicht richtig deuten, wodurch sich ein Großteil meiner Aufmerksamkeit und Energie beinahe in Luft aufgelöst hatte. Und nebenbei oft mit den Gedanken auf das „Nach der Schule“: Haushalt schmeißen, wenn meine Mutter arbeiten war, Putzstelle, Schülerjobs. Häufige Umzüge, innerfamiliäre Konflikte und finanzielle Sorgen haben zeitweise dazu beigetragen, dass ich dem Unterricht nicht gut folgen konnte und ich in einigen Fächern schlechtere Noten bekam. Am Ende der zwölften Klasse nahm ich allmählich Abschied von dem Gedanken, direkt nach dem Abitur ein Medizinstudium beginnen zu können, weil mein Notendurchschnitt nicht reichen würde. Ich schrieb im letzten Schuljahr viele Bewerbungen für Ausbildungsplätze in medizinischen Berufen und konnte mich über Einladungen zu Vorstellungsgesprächen und Eignungstest freuen. Dabei wurde dann auch hin und wieder deutlich, dass sogar von angehenden Auszubildenden ein wenig Vorerfahrung gewünscht war – wo ich mich fragte, wie man das innerhalb der Schullaufbahn gewährleisten soll, wenn man auch noch Freizeit und Erholung von den langen Schultagen haben möchte.

Der Druck war hoch. Und ich habe mit aller Macht und Disziplin versucht, dem Druck standzuhalten. Mit dem Ergebnis von häufigen Kopfschmerzen und Migräne, einem geringen Selbstwert und dem Gefühl von „Es ist nie genug“.

Vor einigen Tagen hatte ich beim Aufräumen Erinnerungen aus meiner Schulzeit in den Händen: Zeugnisse, Auszeichnungen, Zeitungsartikel, Jahrgangshefte, Abizeitung. Dokumente über eine Zeit, in der meine Leistung Anerkennung fand – wenn sie denn den Vorstellungen von anderen entsprach. Jahrelang habe ich voller Stolz darauf geblickt. Heute schaue ich anders auf meine Schulzeit und die Leistung, die ich da abgelegt habe. Sehr gute Noten waren der Preis für höchste Anpassung. Nicht nur, dass ich gesagt und geschrieben habe, was die Lehrer hören wollten – auch der Alltag in der Schule forderte mein empfindsames Nervensystem heraus und kostete mich Energie.

Netzfund, Quelle unbekannt

Aber ich dachte eben, das muss so sein. Ich muss hart arbeiten, um im Leben weit zu kommen. Ein gut bezahlter Job, mit dem ich mir alles finanzieren kann, war das oberste Ziel. Als ich schließlich meine Ausbildung in der Krankenpflege begann, bekam ich ein Ausbildungsgehalt, das für mich mehr war, als ich je vorher auf mein Konto erhielt. Das Gehalt einer Examinierten war dann nochmal ein großer Sprung und ich konnte mein Leben damit gut finanzieren. Was wollte ich mehr?

Heute sehe ich, was ich damals alles geleistet habe. Dass mich das immer einiges gekostet hat und ich früher nicht erkennen konnte, wie ich stets und ständig über meine Grenzen ging. Wenn ich von meiner Autismus- und ADHS-Diagnose früher gewusst hätte, wäre einiges anders gelaufen – mit Sicherheit. Doch ich bin damit nachsichtig und im Verständnis. Es ist jetzt so und ich habe das Beste daraus gemacht.

Aber will ich das für mein Kind? Auf gar keinen Fall. Ich habe nun die Möglichkeit, meinem Kind einen anderen Start in diesen unumgänglichen Lebensabschnitt zu geben und hoffe, dass seine Erfahrungen in der Schulzeit anders sein werden, als meine oder die meines Herzmenschen. Ich kann heute, mit unseren Autismus-Diagnosen, ganz anders auf das Thema Schule blicken und werde achtsamer mit meinem Kind diesen Weg beschreiten. Mir ist wichtig, dass mein Herzenskind mit anderen Gefühlen nach Hause kommen kann, als nur mit Selbstzweifel und Unsicherheit. Wenn der richtige Rahmen für seine persönliche Entfaltung gegeben ist, wird hoffentlich viel Positives für ihn dabei herausspringen.