Herbst. Winter. Die Jahreszeiten, die dazu einladen, alles etwas ruhiger anzugehen. Sich Rückzug zu gönnen. Loslassen, was nicht mehr dienlich ist und Raum schaffen für das Neue, was da so im Frühling erscheinen möchte. Die Natur macht es vor. Und die Menschen? Viele leben gegen diesen Rhythmus. Ich schaue aus dem Fenster, bewundere den Zauber des Herbstes und wie toll die Natur es in jedem Jahr wieder zeigt, wie schön Loslassen aussehen kann – während nebenbei die vielen Fahrzeuge an unserem Haus vorbeihetzen. Ruhe? Eher nicht. Immer Vollgas.

Auch unser Alltag wird, wie bei vielen Menschen, mit getaktet durch die drei Schichten meines Herzmenschen, die keine Rücksicht auf natürliche Zyklen nehmen. Ich halte nebenbei einen Tagesablauf für meine Familie aufrecht. Doch durcheinander kommen wir alle immer ein Stückchen durch die wechselnden Schichten in kürzester Zeit. Da freue ich mich tatsächlich auch darauf, wenn mein Herzmensch Urlaub hat, denn dann haben wir theoretisch alle den gleichen Tagesablauf.
Theoretisch.
Die letzten Urlaubstage für dieses Jahr standen nun an. Da wir die Weihnachtsfeiertage aufgrund der Dienste meines Herzmenschen daheim zu dritt und dieses Mal nicht bei einer Familie verbringen werden, war die Idee, in den Urlaubstagen im November noch einmal die Besuche einzubauen. Zwei Nächte samt Geburtstagsfeier in der Heimat, drei Tage Verschnaufen daheim, dann drei Nächte zur anderen Familienseite in die andere Heimat. Was ich dieses Mal anders geplant habe: Wir drei wohnen in diesen Tagen in Ferienwohnungen, statt, wie sonst, direkt bei unseren Familien mit zu nächtigen. Es hat sich immer mehr herauskristallisiert, dass wir unseren Raum für Ruhe und Rückzug brauchen – und das letztlich alle Beteiligten befürworten.
Also: Zwei kurze Reisen, dicht hintereinander. Unbekannte Wohnumgebung. Sozialkontakte auf Maximum. Eine Reise mit Auto, eine mit Zug.
Urlaub als Familie bedeutet nicht nur Friedefreudeeierkuchen-Zeit. Es bedeutet vor allem viel mehr Zeit miteinander. Es bedeutet ein riesiger Kochtopf aus Gefühlen, der irgendwann überkocht, wenn nicht jeder gut für sich sorgt. Es bedeutet viel Unvorhersehbares. Es bedeutet der Wegfall eines Strukturgebers für meinen Herzmenschen und somit die persönliche Herausforderung, den Tag selbst einigermaßen strukturiert zu gestalten (Randnotiz: Klappt eher weniger gut).
Da sich bei uns immer vor jeder Reise viel Anspannung aufbaut, ist die Grundstimmung meistens schon etwas durchwachsen, bei gleichzeitiger Vorfreude auf das, was uns da so erwartet. Es ist viel Anforderung für uns drei und mittlerweile erkenne ich dabei immer mehr ein Verhaltensmuster, das sich wiederholt: Ob Herzenskind, Herzmensch oder ich – je mehr wir zu bewältigen haben, desto eher kippt unsere Stimmung in Richtung Wut. Während wir als Eltern im Laufe unseres Lebens irgendwelche Strategien entwickelt haben, um mit solchen Situationen halbwegs gut umzugehen, braucht unser Herzenskind noch gute Begleitung durch die vielen Gefühle, die da so aufkommen. Kommt die Wut, fliegen böse Blicke und Fäuste – meistens gegen mich. Der kleine Mensch braucht noch viele Wiederholungen und Übung, um einen anderen Kanal für die Wut zu etablieren. Bis dahin braucht es viel Geduld und Verständnis – und klare Grenzen.
Nach unseren Reisen hatten wir noch eine Urlaubswoche daheim, um uns wieder zu regulieren. Um bewusst Ruhe zu genießen. Es war schön, aber auch anstrengend. Für mich wieder mal lehrreich. Ich resümierte innerlich die Zeit und spürte, dass mein Akku ziemlich leer war. Große Schatten breiteten sich in mir aus. Kurzum: Ich war schnell genervt, häufig wütend und sprach fast durchweg in einer unfreundlichen Tonlage. Alles in mir schrie danach, nur noch alleine sein zu wollen. Es gab Momente, da konnte ich weder meine Herzmenschen noch meine eigenen Worte ertragen. Nichts bereitete mir noch Freude und ich wollte die beiden am liebsten vor meiner Dunkelheit schützen. Aber ich fühlte mich gefangen in meinen Schatten. Irgendwann war es dann mein Herzmensch, der mit einem kleinen Streichholz in meine Dunkelheit kam und mich wahrlich herauszerren musste. Im ersten Augenblick etwas unsanft für meinen Geschmack – aber es war bitter nötig. Ich war im Begriff, die beiden mit in die Dunkelheit zu zerren, wurde unfair und war nicht mehr die Frau, die ich sein möchte. Weinend lag ich nach den ehrlichen Worten meines Herzmenschen im Bett, dachte viel darüber nach und durfte nochmal erkennen, dass sich da meine Schattenseite sehr an die Oberfläche bewegt hatte. Dass ich viel im Außen war. Dass ich allen anderen gerecht werden wollte und dabei vergaß, was ich eigentlich will. Dass ich mir wieder Tonnen an Verantwortung aufgeladen hatte, die ich nicht tragen müsste. Mir wurde bewusst, dass nicht nur meine Herzmenschen ungemütlich werden, wenn die Anforderungen groß werden – auch bei mir zeigt es sich deutlich in beinahe grenzenloser Genervtheit und Wut.
Am nächsten Tag bedankte ich mich bei meinem Herzmenschen für´s Wachrütteln und die damit verbundenen Erkenntnisse. Wie tief gewisse Prägungen in mir verankert sind, wie sehr ich immer noch ganz schleichend in alte Verhaltensweise rutsche, bis sprichwörtlich die Bombe platzt. Es war die wichtige Erinnerung für mich, dass ich noch an einigen Stellen loslassen darf – allem voran das Gefühl der Überverantwortung auf sämtlichen Ebenen. Mein Selbstanspruch, alles richtig und sehr gut machen zu wollen, zwingt mich nicht nur sprichwörtlich in die Knie. Danke Herbst, dass du es mir noch einmal gezeigt hast – wenn auch etwas schmerzhaft.
Es folgte für mich ein Wochenende, an dem ich bewusst nicht erreichbar war für die Außenwelt. Das Internet blieb aus. Ich war mit meinem Kopf daheim, bei meiner Familie. Viel mehr im jetzigen Momente. Mein Nervensystem kam zur Ruhe und ich auf den Geschmack, diese „digitale Entgiftung“ etwas mehr auszuweiten. Ich hatte mich ein Stück verloren im Außen – in so manchen Nachrichten, in Beiträge über Autismus und Elternschaft, in den Nachrichten von lieben Menschen. Wenn mir eines bewusst geworden ist in diesem Herbst, dann wohl die Tatsache, dass ich immer noch sehr schnell aus meiner Mitte komme, je mehr auf mich von außen einwirkt. Diese inneren Grenzen zu ziehen, etwas nicht zu meinem machen – das darf ich noch mehr lernen. Gutes Vorhaben für das kommende Jahr, oder? Aber: Nicht in Perfektion, sondern in meinem persönlichen Tempo. Mit Stolpersteinen und den wiederkehrenden Stupsern, dass noch einige Wiederholungen nötig sein werden, um näher an den inneren Frieden zu kommen.
Das Jahr endet. Die Dunkelheit ist da draußen gerade präsenter, als zu keiner anderen Zeit im Jahr. Gleichzeitig funkeln die wunderschönen Lichter in und an Häusern. Wie passend, dass ich noch einmal meine Schattenseiten sehen durfte, um die Chance zu bekommen, sie liebevoller anzunehmen als einen wichtigen Teil von mir. Denn beide Anteile sind wichtig. Gehören zum Leben dazu. Die lichtvollen und die dunklen. Und wenn ich selbst mein Licht in manchen Momenten nicht sehen kann, habe ich wundervolle Menschen um mich, die mir ein kleines Lichtlein reichen und mich an meines erinnern.
