Wenn das Jahr sich neigt
T+M: Daniel Wanke / Julia Schwab
Wenn das Jahr sich neigt,
seine kalte Schulter zeigt,
alles still wird, still wird.
Wenn das Jahr vergeht
und der Wind auf Norden dreht.
Alles still wird und verstummt.
Wenn das Jahr vergeht,
kahl und leblos vor mir steht,
alles kalt wird, kalt wird.
Wenn das Jahr zerrinnt,
mich mit Einsamkeit umspinnt.
Alles kalt wird und erstarrt.
Wenn das Jahr zerrinnt
und das Neue bald beginnt,
alles wartet, wartet.
Wenn das Jahr sich neigt
und dein Stern sich langsam zeigt,
licht und ewig, warm und hell.
Ich lausche Deinem Atem. Ganz ruhig liegst Du da, mein Kind. Schläfst friedlich neben mir. Meine Hand ruht auf Deinem Rücken, den ich eben noch gestreichelt habe. Du bist wieder eingeschlafen.
Der Morgen schimmert durch die Vorhänge. Zwei Tage noch in diesem Jahr. Es ist bereits acht Uhr und vor dem Haus sind einige Autos zu hören. Wir liegen noch im Bett. Müde. So müde.
Die Weihnachtstage liegen hinter uns und sie waren vor allem eines: Ruhig. Und müde. Hab ich schon erwähnt, wie müde wir sind? Mein Herzmensch ackerte in Nachtdiensten und schlief so viel er kann. Herzenskind und ich: Viel zu zweit. Ich, gebeutelt von Periode und mit täglichen Kopfschmerzen, habe versucht, unserem Kindchen schöne Feiertage zu bereiten. Es war nicht viel los mit uns. Und auch, wenn sich ein gewisser Anteil in mir wünschte, das Weihnachtsfest doch in Gesellschaft zu verbringen, war ein großer Anteil in mir froh, dass wir nur für uns waren. Denn wir als Eltern hätten unser Kindchen mit all der Vorfreude durch alle Gefühle begleiten müssen, die da durch Besuch on top gekommen wären.
Auch so war es emotional eine Achterbahnfahrt. Von meiner Anspannung, uns ein weihnachtliches Essen zu kochen neben einem Herzmenschen, der morgens kaum aus dem Bett kam. Bis zu einem Herzenskind, der seinem Adventskalender überdrüssig war und gerne jeden Tag Geschenke bekommen hätte. Wir waren alle sehr dünnhäutig und haben wohl so ziemlich jedes Wort der anderen, das Unmut und Frust offenbarte, auf die Goldwaage gelegt.
Hatte ich nicht eben erst noch darüber sinniert, dass mein Jahr weniger erschöpft endet, als es begonnen hat?
Da war viel Ruhe. Viel Dunkelheit. Und so viel Raum für alle Gedanken und Gefühle. Zwischenzeitlich habe ich mich für Momente in den Nachrichten verloren, die kurz vor Weihnachten nochmal Schreckensmeldungen bereit hielten. Ich durfte wieder spüren, was für ein Sog dahinter steckt und dass es mir viel Energie abzieht, mich mit dem Geschehen in der großen Welt zu beschäftigen. Also musste ich wieder etwas konsequenter mit mir sein. Internet öfter aus. Nachrichtenkanäle meiden. Denn Abgrenzung lerne ich noch.
Beim Herzenskind hat sich seit Weihnachten ein anderer Rhythmus entwickelt und er hat bis zum Jahreswechsel trainiert, lange wach zu bleiben. Somit war das Feuerwerk um Mitternacht kein Problem. Doch ich spüre mal wieder, dass mein Rhythmus ein anderer ist und diese langen Abende an meiner Energie kratzen. Egal, was ich gerade versuche – für Aktivität sorgen, Rituale aufrechterhalten – Kindchen ist abends einfach nicht müde und schläft dadurch morgens länger. Dafür nutze ich die Ruhe am Morgen für mich. Auch schön.
Das neue Jahr ist noch jung und vieles arbeitet in mir. Am Morgen liege ich noch einen kleinen Moment bewusst länger neben meinem Kind und finde unendlichen Frieden im Anblick dieses schlafenden, kleinen Menschen. Ich versuche, gute Gedanken und Gefühle für den Tag zu säen.
Diese Zeit um den Jahreswechsel herum war innerlich aufwühlend. Ich konnte mir wenig Ausgleich schaffen und es nagte an meiner Stimmung. Da mischte sich viel Unzufriedenheit hinzu. On top die wiederkehrenden Zweifel an der Lebenssituation: Ist das wirklich alles so gut, wie wir es hier mit Kindchen machen? Ich müsste ihn vermutlich noch viel mehr aus der Komfortzone holen, damit er wachsen kann. Dieses Schulthema macht mich nervös und ich hoffe so, dass er bis dahin an einigen Stellen noch selbständiger wird.
Da ist er mal wieder. Der Druck, den ich mir selbst mache. Ich dramatisiere vieles in meinem Kopf, weil ich mich darum sorge, welche Konsequenzen daraus entstehen könnten. Daran knüpfen sich dann ganz heimlich Erwartungen an meine beiden Herzmenschen, doch bitte mit auf den Aktionismus-Zug aufzuspringen und nicht ständig auf dem Sofa zu versacken. Und genau da habe ich wieder einmal liebevoll an mich appellieren dürfen, dass der Haussegen nicht schief hängen und meine Stimmung in den Keller rutschen muss, wenn meine beiden Lieblingsmenschen ihre eigenen Vorstellungen haben und nicht mitmachen. Ich kann versuchen, sie mit ins Boot zu holen, aber ich darf nicht an ihnen zerren.
Das Paradoxe ist auch oft: Ich zwinge mich innerlich dabei dazu, ständig über meine Grenzen hinauszugehen. Eigentlich sagte mir mein Körper mal wieder, dass nicht viel geht. Über eine Woche war ich jeden Tag von Kopfschmerzen gebeutelt. Alles in mir schrie nach Ruhe und Schlaf, aber auch nach frischer Luft und Bewegung. Und immer wieder dachte ich, ich müsste auch wenigstens mein Kind mit begeistern. Statt meine eigenen inneren Kämpfe zu besänftigen, hab ich mir innerlich noch mehr aufgeladen. Mein Verstand und mein Gefühl kollidieren miteinander und ich darf mehr herausfiltern, was jetzt wirklich möglich ist, neben den Vorstellungen, wie es sein könnte.
Nach den vielen Tagen daheim, haben wir schließlich den Weg in die Natur gefunden. Ausgleich. Bewegung. Frische Luft. Erdung. Dann kamen wir mit kalten Nasen und angenehm erschöpften Beinen ins warme Zuhause zurück. Und während Kindchen auf dem Rückweg über die Schmerzen in seinen Beinen klagte, aber trotzdem tapfer weiterging, schaute ich ihm so zu, wie er vor mir lief und dachte bei mir: Ich sehe Dich, wie Du es versuchst, mein Kind. Toll, wie Du wächst, über Dich hinaus. Ich darf Dir vertrauen. Aber weißt Du was? Du bist noch so klein und gleichzeitig schon so groß geworden. Für mich bist Du noch viel zu klein für diesen großen Lebensabschnitt, der da auf Dich wartet. Doch wir werden es versuchen. Ich werde Dir nicht im Weg stehen. Du kannst das. Ich kann das.

Dieses neue Jahr fühlt sich zu Beginn für mich immer erstmal groß an. Wie ein riesiger Berg, den ich erklimmen soll. Das macht mir Angst. Doch ich versuche nun in kleinen Schritten zu denken: Die winzigen Etappen, nach denen kurze Verschnaufpausen kommen, um schließlich Stück für Stück weiter zu gehen. Die Pausen, die Ruhe, der Rückzug, das Innehalten. Bewusstsein. Es wird auch im neuen Jahr einen wichtigen Stellenwert für mich haben und ich darf lernen, mich darin mehr wohl zu fühlen, statt ständig daran zu zweifeln. Das gesunde Gleichgewicht wird weiterhin das Credo sein.
