„Ach, ich schaue nochmal eben etwas im Internet nach.“
„Oh, denen geht´s viel schlechter. Was die so alles tragen müssen – da ist meine Geschichte nichts gegen. Mein Buch hat sicher kaum eine Chance.“
„Ich sollte mich mal da sichtbar machen. Dort schreibe ich auch nochmal eben eine E-Mail hin.“
„Ich melde mich dafür mal an – das ist sicher interessant.“
„Wie es wohl der obdachlosen Frau aus der Stadt heute geht? Eigentlich hätten wir ja ein freies Bett..“
„Oh, die Mülltonne steht noch an der Straße – ich hole sie mal lieber rein, damit unsere Vermieter das nicht machen müssen.“
„Wahnsinn, wie viele Schulungen und Weiterbildungen dieser Mensch gemacht hat. Das klingt alles so interessant – ich würde das auch gerne alles lernen. Nur wann?“
„Soll ich dieses Angebot direkt annehmen oder lasse ich mir lieber mehr Bedenkzeit?“

Manchmal verirre ich mich. Im Außen.
Ein Anteil von mir ist ständig auf der Suche nach neuen Impulsen. Es gibt Phasen, da sprudelt mein Kopf über vor lauter Ideen. Der andere Anteil in mir überreizt dann schnell und kann die vielen Eindrücke kaum verarbeiten. Es fühlt sich oft so an, als würde ich innerlich auf einer Wippe stehen. Fröhlich geht es hin und her, rauf und runter. Und ich versuche irgendwie in der Mitte zu stehen und das Gleichgewicht zu halten.
Willkommen in meinem persönlichen Erleben, wo sich Autismus und ADHS die Hand reichen.
Gerade habe ich mich wieder fast im Außen verloren. Hier eine Idee. Da ein Angebot. Kontakte und Verbindungen aufbauen. Ich war beinahe im Rausch. Wann ich gemerkt habe, dass es zu viel war? Für meinen Geschmack etwas zu spät. Wie hat es sich gezeigt? Pure Überforderung – und das schon am frühen Morgen, unmittelbar nach dem Aufstehen.
Ich wurde wach und dachte an all die kleinen und großen Termine an diesem Tag: Um 9 Uhr ein Online-Gespräch. Um 13.30 Uhr ein Termin mit Herzenskind. Danach schnell nach Hause und noch ein Termin – sportlich für meine Umstände. Was ich ebenfalls direkt beim Aufstehen spürte: Einen gereizten Hals. Ich fühlte mich etwas platt. Vielleicht war der Einkaufsmarathon gestern doch zu viel? Ich hab mir wohl zu viel aufgehalst. Herzenskind wurde wach und wollte nicht allein sein – unsere vermeintliche Morgenroutine der vergangenen Zeit wieder durcheinander. Ich musste Herzmensch noch wecken, damit er fertig ist, ehe mein Online-Gespräch beginnt. Es war bereits 7.30 Uhr – das würde knapp werden. In mir begann sich langsam Anspannung aufzubauen und ich haderte mit mir, was ich machen sollte. Kurzerhand habe ich den Online-Termin verschoben. Ich habe mich an diesem Morgen einfach nicht dazu bereit gefühlt und es hätte uns alle einiges gekostet.
Ich ging mit Herzenskind ins Badezimmer und versuchte meine Morgenroutine durchzuführen. Mein Körper war schwer und mein Geist irgendwie auch. Sobald die Erschöpfung da ist, fließen Tränen. Also stand ich am Waschbecken und weinte. Ich rekapitulierte die vergangene Zeit und habe in diesem Moment gesehen, dass es einfach wieder viel war: Die ganzen Kontakte, die sich über meine Bücher ergeben haben und die damit verbundenen offenen Türen und Möglichkeiten arbeiten ständig in mir. Immerzu das Gefühl, noch mehr tun zu müssen. Die paar Tage mit Herzenskind in der Heimat für Besuche sitzen mir nicht nur in den Knochen – nein, auch mein Nervensystem kommt kaum mit der Regulation hinterher. Herzenskind hat nach unserer Reise einen Schnupfen entwickelt, der die Nächte unruhig machte – was für uns beide weniger erholsamer Schlaf bedeutete. Dementsprechend träge waren die Tage nach unserer Reise. Täglich stand ich mit Kopfschmerzen morgens aus dem Bett auf und fragte mich, was mein Körper denn so bräuchte, damit er keine Schmerzen produziert. Dann leerten sich auch noch die Vorräte und ein Einkauf stand an. Ach ja und einmal die Wohnung saugen wäre auch wieder dran.
Ich kam einfach nicht zur Ruhe. Zu viel, das ich gerne tun möchte neben den Dingen, die getan werden müssten, obwohl ich eigentlich keine Kraft dafür habe. Doch ich habe weitergemacht. Jeden Tag. Hab mich verloren in den Aufgaben, die ich im Außen gerne realisieren wollte. Dabei blieb ich auf der Strecke. Und Herzenskind. Und Herzmensch. Zumindest fühlte es sich für mich so an, als hätte ich nicht alles gut auf die Reihe bekommen.
Kann ich auch nicht. Hey Selbstanspruch, halt´ doch endlich mal den Ball flach. Was soll ich denn noch alles machen? Mehr geht doch eigentlich gar nicht.
Oder doch?
Verschwende ich mein Potential und richte die Energie nur auf die verkehrten Dinge im Leben? Bestimmt. Bei all den Angeboten, Verlockungen und Möglichkeiten ist es manchmal nicht einfach, einen klaren Kopf zu bewahren. Und ein klares Gefühl. Beide Komponenten, die ich stets in Einklang miteinander bringen möchte. Ich frage mich heute, warum ich mich in dieser Macherei so verloren habe? Um einen Mangel in mir auszugleichen? Menschen mit weitem Bewusstsein hätten sicher eine Antwort darauf.
Stop.
Ich habe heute keine Antworten auf die unzähligen Fragen in meinem Kopf. Ich komme nicht weiter. Mein Körper bremst mich liebevoll aus, denn er zeigt mir, dass ich einen Gang herunterschalten muss. Dann werde ich genau das jetzt tun. Wie der Zufall es so will, wurde der Termin für Herzenskind und mich heute von der Praxis abgesagt. Das kommt mir ganz gelegen. Den Termin am Nachmittag habe ich auf einen anderen Tag verschoben.
Ich denke an den Abend zuvor. Als ich mich bereits ins Bett kuschelte, während meine beiden Herzmenschen nebenan noch etwas spielten. Sie haben so herzlich gelacht, hatten richtig Spaß. Ich liebe das. Mir wurde bewusst, dass die beiden so wertvolle Zeit miteinander teilen, wenn sie Zuhause sind. Ihren Interessen nachgehen. Während ich einige Zeit dachte, es wäre schön, wenn die beiden auch Ausflüge machen würden, hat sich mit unseren Autismus-Diagnosen vieles in mir relativiert. Denn ich sehe immer mehr, wo die Stärken jedes Einzelnen liegen und wie wir sie für uns gut nutzen können. So, dass wir auch als Familie davon profitieren und wertvolle Zeit miteinander verbringen können, die unsere Bindung stärkt. Meine Stärke ist, unser Herzenskind immer wieder direkt mit der Welt draußen in Kontakt zu bringen – doch das geht eben nicht so oft und wir brauchen unsere Zeit, um wieder Kräfte zu sammeln. Ich kann anerkennen, was in der vergangenen Woche alles so los war. Dass wir jetzt den Rückzug und Ruhe brauchen.
Heute ist Selbstfürsorge dran. Die Spielgefährtin von Herzenskind kommt heute endlich wieder und hält mir für zwei Stunden den Rücken frei, während Herzmensch den Spätdienst auf Arbeit rockt. Was ich da machen werde? Endlich den Film schauen, der schon seit Wochen im Schrank liegt. Abschalten. Nicht denken. Die Welt da draußen Welt sein lassen. Ich halte die Wippe in mir für einen Moment an und steige ab.
