Heimfahrt

Wir fahren heim. Der Nachmittag im Therapiezentrum liegt hinter uns. Die Dunkelheit hüllt alles um uns herum ein. Der feine, dichte Regen benetzt die Windschutzscheibe und wird fortwährend von den Scheibenwischern beiseite geschoben. Die Lichtkegel der vorbeifahrenden Autos auf der gegenüberliegenden Seite der Autobahn erhellen die eintretende Dunkelheit. Ein Rettungswagen fährt mit Blaulicht eine Autobahnauffahrt hinauf und bleibt kurz danach auf dem Standstreifen stehen – in Gedanken sende ich einen Segen an die Menschen in diesem Fahrzeug.

Die Dunkelheit legt sich über mein Gemüt. Meine Augen sind schwer. Ein bleierndes Gefühl breitet sich in meinem Kopf aus. Ich will nach Hause. Und am liebsten nicht mehr raus. Mein Körper, mein Geist – erschöpft. Alles in mir will Ruhe.

Wir waren da. Immerhin. Und ich bin so stolz auf den kleinen Menschen auf der Rücksitzbank, der den Innenraum des Autos mit beatboxartigen Rhythmen ausmalt, während leise ein Video auf seinem Bildschirm flackert. Faszinierend, mein Herzenskind. Die kleine Fortschritte zeichnen sich ab. Er lernt jeden Tag dazu.

Ganz still fahre ich uns nach Hause. Wortlos. Die Gedanken wandern vorbei. Ich sortiere die Eindrücke der vergangenen Zeit. Kurze Sequenzen von Gesagten und Handlungen. Ich bin müde vom Denken. Vom ständigen Verstehen-wollen-müssen.

Diese Fahrt. Sie ist beinahe ein Dejavu. Vor vielen Jahren, mit meinem ersten Sohn auf dem Rücksitz. Ebenfalls eine Heimreise im Regen, in der Dunkelheit. Erschöpfung. Schwere. Der große Wunsch nach Pause, Rückzug, Nichts-Müssen. Es war so viel damals. Für mein System. Wie habe ich das nur überstanden?

Ich steuere das Auto die Autobahnabfahrt hinunter. Landstraße. Gegenverkehr blendet auf nasser Fahrbahn. Hauptsache heile nach Hause. Nicht mehr weit. „Immerhin, Abendessen ist erledigt„, denke ich mir mit Fast-Food-geschwängertem Magen. Keine Ernährungsglanzleistung – aber dafür sind wir gerade satt und ich bin etwas entlastet. Ist nur eine Phase.

Daheim. Endlich. Als Herzenskind schließlich mit der Abendroutine durch ist, stelle ich mich im schummerigen Licht unter die Dusche. Reinigung. Alles abspülen, was nicht zu mir gehört. Ich stelle mir vor, wie alles von mir fließt. All das Negative, all die Eindrücke, die an mir haften und etwas mit mir machen. Nicht mehr meins.

Leer. Irgendwas zwischen Meltdown und Shutdown. Tränen fließen. Seufzen. Es war viel. Es ist viel. Zur Zeit. Schon lange. Und es geht immer weiter. Irgendwie.

Heute ist der Tag fertig. Nichts mehr zu tun, außer zu ruhen.

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