Wo bleibst Du?

Sie arbeitet in mir. Diese Frage. Häufig begegnete sie mir bereits, in unterschiedlichem Gewand. Und stets kam die Antwort über meine Lippen:

Ich vergesse mich nicht. Ich puzzle mich mit hinein.

Natürlich. Ich sollte für mich an erster Stelle stehen. Doch je mehr Menschen um mich herum, desto schwieriger wird’s.

Paradox, wie kleine Menschen in ihrer Kindheit so früh, wie nur möglich, zum Teilen und zur Rücksicht trainiert werden – oft mit mäßigem Erfolg. Und später darf der Erwachsene dann die Selbstfürsorge neu erlernen. Ja, was denn nun?

Da schmettert das große Wort Egoismus durch den Raum. Abgemildert bekommt er noch das Wörtchen gesund daneben gestellt – dann geht’s. Hauptsache nicht schwarz-weiß.

Ich bin müde. Vom Erklären meines Erlebens. Von den vielen gut gemeinten Ratschlägen. Habe kürzlich erst den Begriff Ratgeber für mich refraimt:

Und ja, jeder Impuls von anderen bewegt etwas in mir. Jede Interaktion mit Menschen erweitert meinen Blickwinkel. So manches Mal komme ich dabei etwas zu weit von meinem Weg ab. Aber irgendwie gehören diese vielen Lebensweisheiten mit zu meinem Weg.

Doch manchmal fühle ich mich verloren. In der Vielfalt der Lebensrealitäten. Frage mich ständig nach richtig und falsch. Will mehr fühlen – dann wird’s doch sicher klarer. Aber dann fühle ich alles auf einmal und komme wieder durcheinander.

Ich bin müde. Von allem.

An diesem friedlichen Sonntagmorgen öffne ich das Fenster im Schlafzimmer und lege mich wieder hin. Ich spüre bereits, wie schwer sich mein Körper mobilisieren lässt. Zarte, frische, frühlingsgeschwängerte Luft zieht durch den offenen Fensterspalt ins Zimmer. Ein paar Vögel besingen diesen ruhigen Morgen. Die Autos fahren in großen Abständen hier und da vereinzelt vorbei – keine werktägliche Rushhour. Einen Ort ohne Autoverkehr würde ich gerne bewohnen – mein Nervensystem käme zur Ruhe. Ich blicke an die Zimmerdecke. Lasse Gedanken umherziehen. Ich will nicht aufstehen. Strukturen soll ich aufrecht erhalten. Dies und das machen. Für mich. Für mein Kind. Für meine Ehe.

Ich will nur meine Ruhe. Momentan fühlt sich jeder Schritt, jeder Handgriff, jede Interaktion wie ein riesiger Kraftakt an. Bereits die Gedanken an die nächsten Handlungen kosten unwahrscheinlich Überwindung. Sinnlosigkeit über mein Dasein gesellt sich hinzu. Alles taub in mir.

Geht sicher wieder vorüber. Nur eine Phase nach einer Phase. Ich versuche mich mal an den Frühlingsboten zu erfreuen. Habe mich gestern sogar, nach vielen Wochen Abstinenz, zu einem Spaziergang ums Feld ermutigen können. Mit Musik auf den Ohren – weil der Lärm der Autos derzeit körperliche Schmerzen verursacht. 

Theoretisch weiß ich, dass es wieder vorüber geht. Was ich tun kann, damit es sich etwas leichter anfühlt. Dass das Essen nur mal eine gewisse Zeit nicht schmeckt. Dass die Freude über die winzigen Dinge Großes bewirken kann. Und ich sehe sie. Ich weiß, dass mein Leben jetzt Aspekte beinhaltet, die ich mir in der dunkelsten Zeit meines jungen Lebens gewünscht habe. Und gleichzeitig fühle ich mich schlecht meinen Herzmenschen gegenüber, weil die Schwere wieder so viel Raum einnimmt.

Ich helfe mir da durch. Nehme an, was ich gerade nicht umkrempeln kann. Lass die Tränen fließen, die sich unaufhörlich ihren Weg suchen. Lasse das Funktionieren los. Atme ein. Atme aus.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.