
Manchmal packt er mich. Dieser Drang, alles mögliche in meinem Leben verändern zu wollen. Auf links drehen. Besonders, wenn ich meine Grenzen deutlich spüre. Wenn Wut und Überdruss Raum in mir einnehmen. Denke dann: „Es muss doch auch anders möglich sein.“
Manchmal will ich all das weg haben, was mich nervt. Was mich zur Weißglut bringt. Was ich nicht ändern kann. Beispielsweise treibt mich alle paar Monate der Gedanke um, eine neue Wohnung für uns zu suchen. Dann, wenn ich von der Lautstärke der Straße und dem immer mehr werdenden Verkehr innerhalb weniger Sekunden überreize, sobald ich das Haus verlasse. Doch so einfach und schnell ist das nicht entschieden und gemacht – und ich ersticke den Gedanken schnell wieder im Keim.
Aber: Ich soll ja bei mir anfangen, wenn ich Veränderung möchte. Und das nervt mich dann auch.
Dann probiere ich es mit Akzeptanz. Atme und atme und atme. Ignoriere. Schau drüber hinweg. Finde einen Weg, damit umzugehen. Atme. Rede mir alles schön – weil: Es ginge auch schlimmer. Unmittelbar zu diesem Gedanken gesellt sich jener, dass ich doch dankbar sein sollte, über alles, was gerade in meinem Leben ist. Bloß nicht meckern oder jammern, sondern mal lieber froh sein, was ich alles habe. Weil: Ich lebe einen Standard, den andere sich wünschen würden. Denke dann an mein verstorbenes Kind und sage mir: Hauptsache gesund, hauptsache am Leben.
Und so drehe ich mich im Kreis. Spüre zwar einen Überdruss, eine Unzufriedenheit – weil irgendwas fehlt. Will mich aber nicht beschweren, denn eigentlich geht’s mir doch gut – im Vergleich.
Klingt wie Selbstsabotage. Ist es auch.
Vielleicht darf es gleichzeitig da sein. Und ich darf herausfinden, woher denn diese Unzufriedenheit rührt. Letztlich erkenne ich: Es ist nicht damit getan, zur Argumentation den materiellen Standard meines Lebens heranzuziehen. Ich habe mehr als genug um mich herum, das sehe ich – und oft möchte ich sogar weniger Dinge um mich haben. Mein System braucht im Kern etwas anderes: Ruhe. Alleinzeit. Und auch: Abwechslung. Neue Erfahrungen. Begegnungen. Warum ermögliche ich mir das nicht (mehr)? Hab’s früher so gut hinbekommen. Scheinbar.
Doch jetzt. Ja, jetzt. Der Alltag. Die Aufgaben und Verantwortungen. Manches nicht verhandelbar – so denke ich. (Außenstehende sehen das anders – weil: Eine Mutter sollte sich nicht komplett aufgeben.) Der Alltag frisst manchmal auf. Bringt zwar Struktur und Verlässlichkeit mit sich – aber auch Monotonie und Erschöpfung. Komfortzone gehört dazu und ist wichtig. Auch hier finde ich es persönlich herausfordernd, die Komfort- und Wachstumszonen meiner Familie gut miteinander zu kombinieren. Der eine braucht weniger Veränderung und Abenteuer, als der andere. Meine Chamäleon-Eigenschaft bewegt mich immer noch unaufhaltsam zur Anpassung: Ich nehme mich zurück, weil ich die anderen nicht überfordern will mit meinem Anteil der Sprunghaftigkeit. Der Teil von mir, der Input und Abwechslung braucht – weil er sonst verkümmert und ich nur noch unzufrieden und frustriert durch die Gegend wandere. Doch so, wie noch vor zehn Jahren, kann und will ich meinen Impulsen nicht mehr nachgehen – weiß ich doch, was es kosten kann. Besonders mit meinen Kräften muss ich haushalten – kann beispielsweise nicht mehr abends großen Aktivitäten nachgehen, weil sie mir im Nachgang den Schlaf rauben.
Wenn ich dauerhaft nicht untergehen und nur im Chamäleon-Modus verhaaren will, muss ich mich zumuten. Anderen etwas zuMUTen.
Aber wie mache ich das?
Ohne Reibung geht’s wohl nicht. Ohne ein Stückchen anfänglicher Überforderung und Unsicherheit bei den anderen geht’s auch nicht. Wer mit im Boot sitzt, darf rudern lernen und sich auf die anderen einstellen – sonst dreht sich das Boot im Kreis. Jeder so, wie er kann, sage ich oft. Und dennoch bleibt das Gefühl zurück, dass ich mir diese Aussage selbst nicht oft zugestehe, weil ich denke: Ich muss. Weil es immer so war. Und weil ich mir wohl auch viel öfter gewünscht hätte, auch mal nicht zu können, habe ich so viel Verständnis für andere, denen es so geht. Doch das Nicht-Können der anderen kann ich nicht alleine auf Dauer kompensieren.
Gewisse Strukturen in unserem Alltag dürfen sich noch verändern. Auf manche darf ich warten und mich weiterhin in Geduld üben – denn nicht alles kann umgehend verändert werden, es hängt viel dran. Doch in den kleinen Dingen, jeden Tag, kann ich versuchen, andere Entscheidungen zu treffen. Eine andere Haltung in mir einnehmen und Klarheit verkörpern.
Mäuseschritt für Mäuseschritt. Und manchmal fühlen sich die winzigen Schritte bereits wie ein großer Sprung an. Manchmal kommt dann sogar ganz überraschend eine große Wendung, die zuvor nicht ansatzweise im Bereich des Möglichen zu sehen war.
