Wenn der Damm bricht

Ich zwinge mich dazu. Immer wieder. Aber ganz ehrlich? Ich hab’s nicht im Griff. Immer noch nicht. Dabei will ein Teil in mir das – unbedingt. Oder denke ich nur, ich müsste? Weil sich da so ein Gefühl in mir ausgebreitet hat, über viele Jahre. Einem Glaubenssatz ähnelnd.

Zu viel.

Ich habe diese Momente. In Gesellschaft von Menschen, die ich seit einiger Zeit nicht gesehen und gesprochen habe, brechen Dämme in mir. Ich spüre, wie unzählige Worte aus mir heraus wollen und in einem Redeschwall meine Gegenüber überfluten. Es gibt kein Halten mehr. In meinem Alltag, der zu größten Teilen mit der Gesellschaft meines Herzenskindes ausgefüllt ist, bleibt nur wenig Raum für Gespräche mit Menschen, mit denen ich die brennenden Themen in meiner Denkerbse besprechen kann. Und so staut sich scheinbar einiges an. Nun könnte man meinen, dass da doch immerhin mein Herzmensch ist, mit dem ich sprechen könnte. Und ja – die Betonung liegt auf könnte. Oft bleibt bei uns beiden im Alltag wenig Raum, geschweige denn Energie und Aufmerksamkeit für den anderen übrig. Leider ist daran noch nicht viel zu ändern. Wir nutzen das, was da ist.

Dennoch sammelt sich da einiges in mir an. Ich reguliere schon vieles allein, ziehe mich in mir selbst zurück und sortiere, wo ich kann. Versuche aus vielen Eindrücken, die mich beschäftigen, die Dramatik herauszunehmen, um schließlich selbst an den sachlichen Kern zu gelangen. Hier besteht allerdings auch die Problematik, mich fortwährend in meinem eigenen Orbit zu drehen und erneut zum Ausgangspunkt meiner Gedanken zu gelangen. Drehe ich mich also sprichwörtlich im Kreis, brauche ich einen sprichwörtlichen Ausgang aus dem Gedankenkarussell.

Jeder Mensch braucht ein anderes Nervensystem, um sich zu regulieren.

Reden reguliert mich. Schreiben reguliert mich. Habe ich keine Möglichkeit, mit einem Menschen zu sprechen, helfe ich mir mit dem Schreiben schon etwas aus der Patsche. Dabei sortiert sich bereits vieles in mir. Doch bei manchen Themen brauche ich eine Rückmeldung, Austausch – ja, eine Resonanz meines Gegenüber. Denn es ist doch so: Jeder blickt anders auf das Leben, hat eine eigene Wahrnehmung. Das erweitert meinen Horizont. Nicht immer. Aber. Gemeinsam werden dann Perspektiven und Ideen gefunden, auf die ich alleine nicht gekommen wäre. Oft stehe ich bereits vor der Lösung meines PROblems, brauche allerdings noch einen letzten Anstoß, eine Erlaubnis. Hier bin ich noch nicht immer ganz in meiner eigenen Stärke angekommen, traue mir manches nicht zu oder erlaube es mir nicht – einfach, weil ich mich bereits in ähnlichen Situationen befand und diese Erfahrungen mich nachhaltig prägten. Mittlerweile erkenne ich die Chance in wiederkehrenden Situationen und Herausforderungen: Möchte ich eine Veränderung und nicht wieder genau mit der gleichen Situation konfrontiert werden, darf ich einen anderen Weg wählen. Dieser fühlt sich dann aber meistens noch unbekannt und ungewohnt an. Eine Rückmeldung von außen bringt mir also den nötigen Anstoß, den unbekannten Weg zu beschreiten.

Wo wollte ich eigentlich hin mit meinen Gedanken? Ha, schön. Sind im Redeschwall untergegangen.

Ich habe ein reiches Innenleben. Doch so ganz erlaube ich mir selbst oft noch nicht, es auszuleben. Es fühlt sich noch unsicher in mir an. Das merke ich aber erst im Nachgang. Dann, wenn sowas wie Reue und Scham aufkommt. Wieder zu viel erzählt. Dann frage ich mich selbst, warum ich all die vielen Einzelheiten ausgesprochen habe, die in meinem Kopf herum schwirren. Bloß keinen Konfettischnipsel vergessen! Wie oft habe ich in der Schulzeit Zusammenfassungen für Geschichten verfassen müssen – aber in meinen eigenen Erzählungen möchte ich kein Detail aussparen. Mir erscheint offenbar alles wichtig und mitteilungsrelevant. Ob das für den anderen auch so ist, frage ich mich meistens erst im Nachgang. Dann, wenn ich in überfragte und sprachlose Gesichter blicke, die den Eindruck erwecken, ich hätte gerade einen Monolog geführt und es gäbe nichts mehr hinzuzufügen.

Die große Scham kommt meistens dann, wenn ich den Eindruck bekomme, ich spreche über andere Menschen. Ich spreche nicht mal abfällig oder ziehe über andere her – so wird es mir zumindest zurückgemeldet. Da ich ununterbrochen damit beschäftigt bin, das Verhalten anderer Menschen einzuordnen und irgendeinen Sinn darin zu erkennen, brauche ich eine Rückmeldung, ob ich das irgendwie einigermaßen sinnvoll sortiere. Immerhin kollidieren stets kleine Welten aufeinander, sobald sich Menschen begegnen und nicht immer sprechen sie die gleiche Sprache. Wie oft kommt dann das Alien-Gefühl auf, weil man im Zusammensein mit anderen dein Eindruck erhält, von einem anderen Planeten zu sein – weil man sich einfach nicht richtig miteinander verständigen kann. Und so entsteht natürlich auch Wut, Frust, Genervtheit – weil man den Sinn hinter dem Handeln eines anderen nicht sofort erkennen kann. Ich übe mich in der verständnisvollen Haltung und in Akzeptanz darin, dass jeder so sein darf, wie er eben ist. Konditionierungen und Normen rütteln dann doch oft noch sehr an diesem Verständnis. Ja, aber wenn mich dann etwas an einem Menschen ärgert und besonders herausfordert, tut es doch mal gut, diesem Frust Raum zu geben, immerhin ist da bei mir eine Grenze erreicht worden. Ist der Frust verflogen , kann das Verständnis wieder nachrücken. Wie schon erwähnt, hadere ich dennoch mit mir. Ich möchte niemanden in ein schlechtes Licht rücken – sondern lediglich sagen dürfen, was mich herausfordert. Falls ich nicht schon selbst darauf gekommen bin, bekomme ich im Gespräch eventuell eine Idee, wie ich damit umgehen kann, damit es nicht mehr so viel Raum einnimmt. Manchmal möchte ich andere auch einfach daran teilhaben lassen: Schau mal, so habe ich einen Weg gefunden, es für mich zu lösen.

Und so könnte ich versuchen, meinen Redeschwall nicht als gefährlichen Dammbruch zu betrachten, der andere überschwemmt und in die Tiefe reißt – sondern als Einladung, mit mir gemeinsam die Wellen meiner inneren Vielfalt zu reiten.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.