20 Uhr. Die letzten Routinehandgriffe des Abends laufen. Und mein Kopf findet keinen Absprung.

So eindrucksvoll der Tag.

Gespräche hallen in mir nach.

Worte, die ausgesprochen wurden, werden von mir in kleinste Bestandteile zerdacht, um sie für mich sinnvoll einzuordnen.

Ich rekapituliere dieses Gespräch am großem Tisch. Mit den Menschen, die unseren Weg begleiten und unterstützen, wo sie können. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten – und sogar darüber hinaus. Ich kann das sehen. Anerkennen. Schätze das, weil ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist.

Alle haben ein gemeinsames Anliegen, so denke ich zumindest. Vermutlich weicht die Vorstellung bei jedem ein wenig ab, doch im Kern möchten alle Teilhabe für Herzenskind möglich machen.

Bereits am Vortag ging ich gedanklich mögliche Fragen und Aussagen der Beteiligten durch. Überlegte, wie ich prägnant und verständlich darauf antworten könnte. Mein System braucht das. Schon immer. Dieses Vordialogisieren. Es gibt mir ein Stück Sicherheit und innere Ausrichtung für eine Situation, die trotz manch bekannter Faktoren, dennoch so unvorhersehbar und unberechenbar daher kommt.

Und so rechnete ich mit vielem, was an diesem Tisch ausgesprochen werden würde. Tatsächlich bewahrheitete es sich. Die Beiträge der anderen hatte ich beinahe Wort für Wort im Vorfeld im Kopf durchgekaut. Es zeigt mir letztlich, dass ich doch ein gutes Gefühl für die Gesamtsituation und die Menschen habe, die daran beteiligt sind.

Doch bei aller Vorbereitung, saß ich heute dennoch da. Mit Herzklopfen. Anspannung. Ich fragte mich, ob auch die anderen an meiner Halsschlagader erkennen konnten, in welche Höhen mein Puls stieg. Ich wurde müde vom Versuch, aus Höflichkeit Blickkontakt zu halten und erlaubte mir selbst, zwischenzeitlich einfach nur auf den Tisch zu schauen, damit ich den Worten der anderen besser folgen konnte. Mir war klar, dass die Schwierigkeiten und Herausforderungen ausgesprochen werden – die ich in den vergangenen Monaten miterlebte und mich stets zum (Ver-)Zweifeln brachten. Mir war klar, dass manches davon auch in meine Unsicherheit pieksen würde – und ich nahm mir vor, es dennoch nicht zu nah an mich heran zu lassen.

Doch es macht was mit einem. Wenn andere Menschen das aussprechen, was man zwar erwartet hat – weil mir bewusst ist, vor welche Herausforderungen alle gestellt werden. Aber es trifft mich eben auch an Punkten, die tief liegen. Ich gehe da stets und ständig in mich. Sortiere, was da an eigenen Anteilen in mir anspringt – und wo ich mich selbst regulieren darf. Eine Mutter im Autismus-Spektrum mit ADHS, die ihr bisheriges Leben Anpassung und Masking in Glanzleistung ablieferte, darf einen kleinen Menschen mit ähnlichen Neurodivergenzen begleiten, der Anpassung und Masking rigoros ablehnt. Frag mich natürlich schon länger, was ich da denn so für mich lernen darf – denn das Leben lädt mich mit den Herausforderungen ja schon ganz gerne zu innerem Wachstum ein.

Und dieses Gefühl, zwischen den Stühlen zu stehen, gleicht immer mehr dem Gefühl, eine Brücke zu sein zwischen Welten, die weit auseinander liegen. Ich sehe die Anforderungen und Erwartungen im Außen, berücksichtige und respektiere das – und ich sehe mein Kind, das es einfach noch nicht schafft, all das zu erfüllen. Ich wünsche mir, dass mein Kind Teilhabe bekommen kann. Dass er Erfahrungen außerhalb seiner sicheren Zone sammeln und daran wachsen kann. Während ich mich frage, ob er es jemals in dem Ausmaß schaffen wird, das als normal betrachtet wird – bleibe ich gleichzeitig und immer wieder im Vertrauen, dass er in seinem Tempo all das lernen wird, was er für sich zum Leben braucht. Doch sein Tempo ist leider nicht kompatibel mit der Welt, in der wir leben (oder nur in unserer Gesellschaft?). Bis zum magischen Alter von sechs Jahren durfte ich ihm dieses Tempo erlauben – jetzt scheine ich gefordert zu sein, ihn zu schubsen und Antrieb von außen anzubringen. Und so sehe ich mich auch in der Verantwortung. Ich tue, was ich kann – um diesem kleinen Menschen einen Weg durch dieses Leben zu bereiten, das sich lebenswert für ihn anfühlt. Ich kann ihn nicht auf das Leben vorbereiten – er steckt schon mittendrin. Jeder Tag steckt voller Inhalt und Lernpotential – und nicht an jedem Tag ist er auf die gleiche Weise leistungs- und lernfähig. Diese Schwankungen fordern heraus und können in manchen Strukturen nicht gut abgefangen werden – meistens dort, wo viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aufeinander treffen und sich arrangieren müssen. Wo sie gefordert sind, durchzuhalten und Bedürfnisse regelmäßig aufzuschieben.

Und so sitze ich am Abend da. Nachdem ich auch mit Herzmensch noch ein intensiveres Gespräch geführt habe, das zusätzlich Raum in mir einnimmt.

So viele Eindrücke.

So viele Worte.

So viele Gedanken dazu.

Ein Teil in mir verschaffte sich kurz Gehör bei mir selbst, als ich bitterlich weinend und die Anspannung damit abbauend am Boden saß: Ich kann nicht mehr. Wozu ist das alles gut? Was mache ich verkehrt und was muss ich ändern? Dieser kleine Teil wollte für einen klitzekleinen Moment aufgeben. Alles. Weil: Was hat das für einen Sinn?

Doch dem Leiden zu Trotze richtete ich mich schließlich wieder auf.

Wissend, dass wir einen Weg finden.

Wir gehen ihn bereits.

Sind mitten darauf unterwegs. Wachsen weiter an den Herausforderungen. Ich halte immer wieder kurz inne und erkenne die kleinsten Fortschritte und Erfolge an. Öffne Türen und lade Menschen mit zum Wachstum ein. Weil ich tief in mir drin weiß: Die Kinder, die nicht so einfach reinpassen, sind so wichtig für diese Welt. Weil sie uns zeigen, wo Veränderung nötig ist. Wo wir festgefahrene Strukturen hinterfragen dürfen. Denn ganz tief verborgen liegt der Schatz, den wir erhalten: Sie erinnern uns an die wahre, bedingungslose Liebe. Sie sind immer gut und wertvoll.

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