
Ich plane nicht nur in Zeit. Ich plane in Energie.
Wenn sich Kräfte schnell aufbrauchen, müssen Aktivitäten anders geplant werden. Nicht mehr so, wie ich es früher immer tat: So viel, wie möglich miteinander sinnvoll verbinden und Gelegenheiten ausnutzen. Nein. Seit einigen Jahren übe ich mich darin, großzügiger zu denken. Was bedeutet: Weniger ist mehr. Ein voller Kalender bedeutet in diesem Fall nämlich nicht direkt eine Fülle an Erfahrungen – sondern eher ein Leere auf dem Kräftekonto.
Und so verlockend manche Ideen in meinem Kopf auch mit dem ersten Dopamin-Kick für mich erscheinen – ich entscheide wirklich erst nach mehr Bedenkzeit, als mich von der Spontanität meines ADHS verleiten zu lassen. Denn genau diese Diskrepanz hat mich regelmäßig in die tiefe Erschöpfung katapultiert.
So plane ich Ausflüge und Familienbesuche mit genügend Zeit für Regeneration im Anschluss. Nicht immer klappt das ideal, weil das Leben eben so spielt. Doch während viele von einem Ausflug in den nächsten jagen, lassen wir uns Zeit, ein Erlebnis gut zu verarbeiten.
So habe ich mir in den letzten beiden Tagen nochmal Zeit für eine Selbsthilfegruppe und ein lang aufgeschobenes Treffen einrichten können. Beide Treffen benötigten etwas Planung, weil unser Abendessen in den Zeitraum fiel. Für gestern entschied ich mit beiden Herzmenschen, dass wir uns dann im Nebenort zum Abendessen treffen würden – so konnte ich bei meinem Treffen etwas länger bleiben und wir hätten im Anschluss das Abendessen erledigt. Für einen Restaurantbesuch braucht es ebenfalls einige Überlegungen im Vorfeld, um für uns drei etwas Vorhersehbarkeit zu schaffen – was bedeutet: Speisekarte checken (wenn möglich) und Hilfsmittel einpacken, um die Umgebung tragfähig zu gestalten. Für einen Moment spürte ich den Knautsch in meinem Bauch, weil sich abendliches Essengehen auf den Schlaf auswirkt und für den heutigen Tag einiges am Morgen anstand. Ich hoffte, es würde für uns drei nicht zu spät und zu unruhig werden mit dem Schlaf, damit wir gut am Morgen herauskämen. Ich versuchte, die aufkommenden Zweifel über die Tischreservierung beiseite zu schieben – denn ich sah die Gelegenheit, dass wir an einem Sommerabend zu dritt am Leben vor der Tür teilnehmen würden. Und: Ich hatte die Möglichkeit, mit dem Lastenrad zu fahren – worauf ich mich sehr freute.
Long story short: Es war ein schöner Abend. Und Herzenskind fuhr sogar den Rückweg im Lastenrad mit. Wir hatten also unser Vorhaben umsetzen können, an einem Sommerabend mit dem Rad durch die Gegend zu fahren. Auch das heutige Aufstehen und die Vorhaben für den Tag gingen bisher ziemlich gut von der Hand. Für die morgige Reise Richtung Familie bedarf es der üblichen Vorbereitungen. Und genau da spielte mir meine Begeisterungsfähigkeit direkt wieder einen Streich: Als ich noch einmal die Daten vom Apartment prüfte, wurde mir eine Anzeige für ein Erlebnis in der Nähe unserer Familie angezeigt. Ich schaute nach, welche Entfernung von dort dafür zurückgelegt werden müsste. Fragte mich, ob wir Familie mitnehmen könnten. Die zunächst schöne Idee verpuffte schließlich doch recht schnell: Wir würden drei Nächte bleiben – davon kann ich An-und Abreisetag bereits kräftemäßig abziehen, denn zusätzlich zu den langen Autofahrten sind keine große Aktivitäten mehr drin. Oft ist der Tag nach der Anreise nötig, um erstmal anzukommen. Dieser Tag soll voraussichtlich Temperaturen von rund 30Grad bereithalten – fällt für einen Ausflug somit flach. Der darauffolgende Tag, ein Samstag, bedeutet: Das Erlebnis wird mit Menschen überlaufen sein. Auch nicht so attraktiv. Theoretisch liegt das Erlebnis sogar an unserer Reiseroute und Herzmensch hatte den Gedanken, ob wir es direkt morgen versuchen sollten. Theoretisch machbar. Praktisch und mit Blick auf unsere Nervensysteme wird’s leider nix. Allein die vorhergesagten Temperaturen werden uns allen genug zusetzen. Wir verschieben das Vorhaben also auf einen anderen Zeitpunkt – wenn einige Faktoren für uns noch günstiger stehen.
Ein kleines Stückchen Entrüstung ist immer dabei, wenn die schön ausgemalte Vorstellung und Theorie schließlich von der realistischen Praxis entkräftet wird. Natürlich könnten wir sagen: Wer nicht wagt. Doch Energie ist endlich. Und die lässt sich leider oft nicht so schnell wieder herstellen, wie wir es uns wünschen würden.
