
An einem Tag im Monat weiß ich: Ich bin bald da. Im zyklischen Winter. Mein Körper weckt mich zwischen 04:30 und 05:00 mit einer Hitzewelle, die sich in Sekunden über meinen gesamten Körper ausbreitet. Guten Morgen, Hormone! Da ist mein Körper beständig und verlässlich.
Und an diesem einen Tag im Monat wehrt sich irgendetwas in mir, aufzustehen. Wo ich sonst ganz klar für mich bin und direkt nach dem Wecker aufstehe, um meine persönliche Morgenroutine zu beginnen – geht an diesem einen Tag irgendwie nix. Was auch sonst ziemlich klar ist für mich: Ich schaue morgens auf keinen Bildschirm. Handy wird nicht angerührt, ehe ich gefrühstückt habe und mich halbwegs sortiert fühle. An diesem Morgen? Da scrolle ich mich rund eine Stunde oder mehr durch allerlei Informationen, Bilder und unzählige Worte. Das Ende vom Lied? Mein Kopf ist schon vor dem eigentlichen Aufstehen dicht und vernebelt. Es fällt mir noch schwerer, mich aus dem Bett zu motivieren. Auf all die vielen Informationen folgen mindestens genau so viele Gedanken und Gefühle, die sich unter dem Deckmantel von PMS-Hormonen bleiernd schwer anfühlen: Ich stelle alles infrage. Wirklich alles. Das gesamte Leben. Alles, was ich bisher im Leben gemacht habe und wo ich mich aktuell befinde. Schwanke zwischen „passt schon so“ und „Was soll das nur werden?“. Scheinbar haben sich an diese vielen Hormone, die meinen Körper daran erinnern, die aufgebaute Schleimhaut meiner Gebärmutter abzustoßen, auch viele alte Glaubenssätze und Prägungen geklammert. Jeden Monat dasselbe. Jeden Monat die ganze Gedankengrütze aus Selbstzweifeln und Schwarzmalerei.
Ich weiß darum. Schaue seit langem, wie ich mich natürlich unterstützen kann, damit es nicht so dunkel im Köpfchen wird. Aber bei allem Machen und Tun hilft tatsächlich wieder mal Akzeptanz. Es gehört irgendwie für mich dazu. Nicht umsonst wird vom zyklischen Winter gesprochen. Die Dunkelheit gehört zu mir dazu, wie zu all den natürlichen Zyklen auch. Ich weiß, das geht wieder vorbei. Es sind nur wenige Tage, höchstens zwei Tage im Monat, an denen meine Gedanken in Katastrophenszenarien abtauchen. Dann geht’s wieder.
Bereits gestern kündigte sich der Hormonwechsel bei mir an. Außerdem eine Anspannung, weil ich auf bestimmte Nachricht per Post wartete. Als diese dann tatsächlich eintraf, fiel die Anspannung zumindest schon mal ab. Freudige Nachricht für unsere kleine Familie erhielten wir also gestern und damit geht eine große Entlastung einher. Und Dankbarkeit – denn wir wurden gesehen. Gestern taten sich einige kleine und große hoffnungsvolle Visionen in Herzmensch und mir auf. Ein großer Teil in mir ermahnt sich stets zur Vernunft und nicht zu übertreiben. Doch insgesamt eröffnen sich Möglichkeiten und Handlungsspielräume, die vorher nicht da waren.
Und heute morgen? Heute ist dieser eine Tag. An dem ich blöderweise nicht konsequent und diszipliniert genug war. An dem mich meine hormonelle Lage zu einem inneren Mittelfinger gegenüber meiner eigenen, verlässlichen und als gut erwiesenen Routinen bewegte. Hab mich quasi selbst betrogen. Yay. Ich scrollte also von 05:00-06:30 Uhr durch Beiträge und Videos, laß unzählige Kommentare. O-Ton: „Die Welt geht vor die Hunde. Wohlstandverwahrlosung. Politik streicht ab kommenden Jahr die Verhinderungspflege. Der Gürtel wird immer enger geschnallt. Und nicht zu vergessen: Wir haben bald Krieg.“
Was solche Informationen vor dem Aufstehen mit meinem Kopf machen? Nichts Gutes. Ich blicke auf die ganzen Herausforderungen meines täglichen Lebens und frage mich, welche Relevanz das eigentlich alles hat. Ich frage mich für einen Moment, wie wichtig all das „Hab und Gut“ um mich herum noch sein würde, müsste ich vor Krieg flüchten. Die Bedeutung von vielem verändert sich im wechselnden Kontext. Wie begleite ich gut einen kleinen Menschen im Leben, der so sensibel auf alles reagiert, damit er genügend Resilienz und Selbstvertrauen entwickeln kann? Irgendwie kann ich nur jetzt entscheiden. Soll aber gleichzeitig schon in die Zukunft blicken – dabei kann niemand genau sagen, was morgen, nächste Woche oder im kommenden Jahr wirklich passiert. Unvorhergesehenes darf mit eingeplant werden.
Dieser eine Tag im Monat. Er erdet mich. Wirft tiefe Fragen auf. Eröffnet nochmal Schmerz und ein Bewusstsein, das im Alltag manchmal leiser wird. An diesem einen Tag ist alles laut. Ich muss hinhören. Und am Ende weiß ich wieder: Die anderen Tage werden nicht wie dieser eine Tag sein. Dann bleibe ich meinen Prinzipien wieder treu.
