PMS + ADHS + Autismus = Unzufriedenheits-Selbstzweifel-Chaos
Ich muss schon zugeben, dass ich wohl noch nie so ganz die sehr selbstbewusste, selbstsichere und toughe Frau war. Es hat sich immer schon viel Unsicherheit und Ängstlichkeit in mein Denken und Handeln eingeschlichen. Lange Zeit dachte ich auch, dass ich sogar ziemlich schlau bin, weil ich es in meiner Schullaufbahn immerhin bis zum Abitur geschafft und dabei sogar einen ganz passablen Notendurchschnitt zustande gebracht habe. Meine Berufsausbildung habe ich sehr gut abgeschlossen. Ich konnte mich in meinen Bewerbungen stets mit einer schnellen Auffassungsgabe rühmen. Ich habe meinen Wert bemessen an der Leistung, die ich abliefern konnte.
Heute habe ich oft das Gefühl, davon ist nicht mehr viel übrig. Na klar, es war oft stupides Lernen von Fachwissen, das in Prüfungen abgefragt und danach recht schnell wieder aus dem Gedächtnis gelöscht wurde, weil es wieder Platz für das nächste „Wissen auf Abfrage“ geben musste. Erst in der Berufsausbildung konnte ich nachhaltiger lernen, weil ich auch den praktischen Bezug dazu hatte. Doch nach über sechs Jahren Abwesenheit aus meinem erlernten Beruf, ist nur noch ein kleiner Lichtfunke des einst riesig lodernden Feuers aus Fachwissen vorhanden.
Mein Wissensdurst ist weiterhin groß, besonders für Spezialgebiete, die mich besonders interessieren. Doch sobald ich mich wieder in etwas hineinlese, ist es mindestens genauso schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden. Ich habe seit einigen Jahren scheinbar immer größere Maschen in dem Sieb in meinem Kopf bekommen. Es erschreckt mich, wie vergesslich ich bin. Wenn ich wirklich nachhaltig etwas lernen möchte, brauche ich auch noch die Möglichkeit, es einmal selbst aufzuschreiben und mir zu visualisieren. Im Schreiben und Zeichnen festigt sich das Wissen bei mir besser. Doch dazu fehlt mir momentan häufig die Energie.
Und dann kommen ja noch solch tolle natürliche Prozesse hinzu, die die Denkerbse auf ein Denkreiskorn schrumpfen lassen: Der monatliche Zyklus mit hormonellen Schwankungen und natürlich der immer wiederkehrende Schlafmangel verpulvern scheinbar immer wieder Synapsen in meinem Gehirn, sodass ich in gewissen Zeiten im Monat einem Zombie gleiche. Weil das natürlich nicht reicht, kommen selbstverständlich auch die Stimmungsschwankungen hinzu, die besonders in Zeiten von PMS mindestens an eine mittelgradige depressive Episode herankommen. Der Selbstwert hängt tiefer als Keller. Ich kann mittlerweile deutlicher spüren, welch ein Ungleichgewicht in meinem Hormonsystem stattfindet und ich werde mich dahingehend stabilisieren müssen.

Denn all das reicht ja nicht. Nein. Dass mein Erleben durch ein autistisches ADHS-Nervensystem geprägt ist, bringt das Fass an gewissen Tagen zum Überlaufen. Die Sinneswahrnehmung ist auf Anschlag: Geräusche, Gerüche oder auch Berührungen halte ich in der PMS-Zeit kaum aus. Mein Geduldfaden ist enorm kurz und die einfachsten Dinge des Alltags bringen mich auf die Palme. Wo ich mich sonst nach Routinen sehne, möchte ich sie einige Tage vor meiner Periode am liebsten komplett über den Haufen werfen. Ich spüre also in meinem Erleben sehr, was mein Zyklus da gerade vorbereitet: Das Alte muss raus! Alles neu! Veräääändeeeeruuuung bitte!
Und welche Gehirngespinste dabei so entstehen, verblüfft mich jeden Monat wieder neu. Ich bin ja nun wirklich noch weit weg von strotzender Lebenskraft. Ich kümmere mich gerade um Möglichkeiten, die unseren Alltag künftig neu strukturieren und hoffentlich bereichern werden. Plötzlich fällt mir mit meiner verschärften Wahrnehmung wieder auf, wie laut es doch vor unserer Haustür ist und dass wir ja eh schon öfter mal darüber sinniert haben, nochmal umzuziehen, wenn es passt. Sicherung Nummer eins brennt durch und ich schaue erstmal, ob irgendwo ein Job für meinen Herzmenschen frei und eine Versetzung möglich wäre. Ah gut, gar nicht so weit weg! Sicherung zwei brennt durch: Ich schaue mir den Ort mal genauer an bezüglich Schulen, Einkaufsmöglichkeiten etc.pp. Sieht doch ganz gut aus! Ich spüre, wie Sauerstoff in mein Gehirn gepustet wird und eine angenehm kribbelige Aufregung in mir aufkommt. Sicherung drei brennt durch: Ich schaue nach Wohnungen.
Und wie ich da so am Recherchieren bin, fühlt sich dieser Gedanke immer greifbarer an. Ich lege mir im Kopf alles zurecht. Es ergibt total Sinn. Ich kann es mir schon richtig vorstellen! Schließlich sende ich meinem Herzmenschen eine Nachricht mit meiner Idee.
In den nächsten zwei Stunden verändert sich etwas in mir. All das, was gerade da ist, was geplant ist, kommt mir in den Sinn. Ich nehme noch einmal meine Verfassung wahr. Sehe, wo wir gerade stehen und wie es uns geht. Und dann kommt die Erkenntnis, als würde ich neben mir stehen und mir selbst mit der flachen Hand vor die Stirn klatschen: Was denn noch alles? Und wie sollen wir das denn jetzt bitte auch noch schaffen? Geht’s noch?
Dann wird mir klar: Es ist diese Zeit im Monat, in der ich durch all die Prozesse in meinem Körper so beeinflusst werde, dass in meinem Kopf gefühlt nur Chaos entsteht. Und dass ich diesen Gedanken und Ideen gerade nicht all zu viel Raum und vor allem Zuspruch schenken sollte.
Ich besinne mich also wieder. Richte meinen Fokus auf das, was jetzt wichtig ist. Was möglich ist. Und da zählt ganz klar kein Umzug zu! Ich schicke meinem Herzmenschen Entwarnung und Beruhigung per Nachricht, dass ich selbst aus dieser kleinen Misere im Kopf herausgefunden habe und bitte ihn wie immer um Verzeihung für meinen überschäumenden Enthusiasmus.
Es ist anstrengend für mich. Und ganz sicher auch für mein Umfeld. Wenn ich immer mal wieder zu bestimmten Zeiten im Monat so neben der Spur laufe. Wenn in meinem Kopf nicht nur viele hunderte Fenster geöffnet, sondern alle noch mit Blinkreklame versehen sind. Es ist eine Zeit von noch intensiverer Reizüberflutung und ich wünsche mir dann eigentlich nichts weiter, als meinen Kopf mal komplett auszustellen und mich in einer Höhle zu verkriechen für einen einwöchigen Periodenschlaf. Dieses Mal hat mir noch einmal deutlich vor Augen geführt, wie sehr ich selbst darunter leide, dass die Prozesse in meinem Körper so viel Einfluss auf mich nehmen. Ich werde mich nun „schlau“ machen, um Möglichkeiten zu finden, mich mehr zu stabilisieren. Denn es fühlt sich jeden Monat so an, als würde ich mir selbst ein Bein stellen. Jeden Monat dieses Gefühl zu haben, zu den kleinsten Dingen nicht mal richtig fähig zu sein, reißt mich runter. Ich will dann noch so viel tun, obwohl ich eigentlich gar nicht kann. Dieses gesunde Maß aus Aktivität und Ruhe fällt mir manchmal schwer, denn mein Kopf will meistens mehr, als mein Körper noch leisten kann.
