Sieben Tage waren Herzenskind und ich bei Freunden und Familie zu Besuch. Ziehen wir den Tag der An-und Abreise davon ab, haben wir jeweils drei Tage in zwei unterschiedlichen Haushalten verbracht. Andere Umgebung, andere Betten, anderer Alltag. Und vor allem: Viel Zeit mit anderen Menschen verbringen.
Bevor wir diese kleine Reise antraten, breitete sich in mir immer mehr das Gefühl aus, dass ich einen Tapetenwechsel benötigte. Einmal raus aus dem Alltag. Zeit mit Menschen verbringen, die ein bisschen Abwechslung bieten und dabei das nötige Verständnis für unsere Nervensysteme aufbringen. Glücklicherweise sind die Menschen in unserem Leben, die wir etwas häufiger um uns haben, sehr rücksichtsvoll. Es wird uns Raum für Rückzug und Ruhe ermöglicht. Die Ansprüche an die Freizeitgestaltung werden niedrig gehalten, denn schon der Umstand, dass wir den Alltag mit anderen Menschen in anderer Umgebung verbringen, ist reizvoll genug. Essen wird abgesprochen und nicht einfach über uns hinweg entschieden. Ich fühle mich insgesamt immer sehr gesehen, angenommen und willkommen von den Menschen, die unsere Gesellschaft zu schätzen wissen. Alle wollen eine gute Zeit zusammen verbringen und ich bin dankbar dafür, dass dabei so auf unsere Bedürfnisse eingegangen wird.
Und auch wenn die Freude auf ein Wiedersehen bei mir sehr ausgeprägt ist und der nötige Nervenkitzel mich anspornt, eine Reise und Gepäck durchzuplanen:
Ich weiß, dass es uns auch etwas kosten wird.
Ich weiß, dass mein System damit zu tun haben wird, in einem anderen Bett zu schlafen, mich in eine andere Ordnung einzufinden und viele Gerüche und die Gespräche zu verarbeiten. Es ist eine absolute Sinnesflut. Nicht nur für mich – auch für mein Herzenskind. Doch der Wunsch nach Abwechslung und Ausbrechen aus der Komfortzone überwiegt in manchen Momenten, weshalb wir dieses Wagnis und Abenteuer eingehen.
Am Abend vor unserer Heimreise begann mein Herzenskind zu fiebern. In den vergangenen zwei Tagen spürte er morgens ein Kratzen im Hals. Zu viel aufgehalst? Es war nicht so schlimm, dass wir von einer Erkältung sprechen konnten. Mir kam wieder ein Beitrag in den Sinn, den ich vor einiger Zeit las: Darin wurde beschrieben, dass neurodivergente Menschen mit Fieber auf zu viele Reize reagieren können. Das System kocht sozusagen hoch, es läuft heiß. Was genau die Temperaturerhöhung bei meinem Herzenskind verursacht hat, ist schwer herauszufinden. Meistens ordne ich es für mich als multifaktoriell ein – denn so viel strömt auf einen Menschen ein, sodass es nicht immer ganz klar zu differenzieren ist. Ob jemand im Zug vielleicht erkältet war oder das Spielen mit Wasser im Garten zur Auskühlung geführt hat – keine Ahnung. Mein Kindchen ist heißgelaufen und forderte sich viel Ruhe ein. Körperlich und mental war deutlich zu sehen, wie erschöpft er war. Die Rückreise mit dem Zug war glücklicherweise recht entspannt und ich bin froh, dass ich mein Herzenskind im Fahrradanhänger herumschieben kann. Wieder Zuhause angekommen war mir klar: Die kommenden Tage werden daheim in der Höhle verbracht.

Drei Nächte hintereinander war kaum an Schlaf zu denken. Kindchen heizte mir ein, schlief unruhig, wie schon lange nicht mehr. Bei allem Verständnis und Mitgefühl für mein Kind, spürte ich, wie sehr es an meiner Verfassung nagte. Meine Akkus wurden gänzlich mit der beginnenden Periode geleert. Und während sich wohl viele Menschen über die warmen Sommertage freuten, waren wir froh, Zuhause zu sein und atmen zu können. Es ging nur das Nötigste. Das grelle Licht, die heiße Sonne und Windstille sind bei Weitem nicht angenehm für Aktivitäten auf der Südterrasse. Freibad? No way. Mein Konfetti-Köpfchen hat nur leider so manches Mal noch nicht den Einklang mit meinem Körper gefunden. Die Erschöpfung und Müdigkeit sitzt in sämtlichen Teilen meines Körpers und ein winziger Teil im Kopf würde sich dennoch wünschen, den Sommer aktiver zu nutzen. Dieser kleine Funke Wehmut darf dann nicht zu viel Raum bekommen, weil es sonst gänzlich in Unzufriedenheit mündet.
Ich bin erschöpft von dieser ständig wiederkehrenden Erschöpfung.
Mein Leben war lange Zeit aktiver und zur Zeit ist davon nicht mehr viel übrig. Es gibt Tage oder Momente, wo ich etwas mehr Energie habe und ich versuche sie sinnvoll zu nutzen. Nur lange hält sie nicht mehr an. Jetzt muss ich mich wieder in der Akzeptanz üben, dass diese siebentägige Reise einige Tage im Nachgang benötigt, um uns zu regulieren und die Akkus zu laden. Und auch wenn ich oft lese, man solle jeden Tag sinnvoll nutzen und so leben, als wäre es der letzte (was unsichere Menschen mit Selbstzweifeln im übrigen sehr unter Druck setzen kann) – ich lebe jetzt und jetzt brauche ich offenbar doch wieder mehr Erholung, als gedacht. Ich freue mich gerade einfach auf die baldige Möglichkeit, meinen Körper wieder zu unterstützen und hoffentlich mehr aus der Erschöpfung herauszuholen.
Auf den Körper zu hören. Die Signale richtig zu deuten. Gleichzeitig im Hinterkopf haben, dass man auch mal aus der Komfortzone herauskommen soll und Wachstum scheinbar nur dahinter wartet. Diese ganzen tiefgründigen Sprüche über’s Leben. Das kreist mir in solchen Phasen der Erschöpfung unaufhörlich im Kopf herum – und ich weiß manchmal einfach nicht, was richtig ist. Ich möchte jedem Tag so viel Leben geben und nichts unversucht lassen. Gleichzeitig habe ich keine Ahnung, wo ich die Energie dafür herholen soll. Darum verschiebe ich den großen Aktionismus auf Tage, wo ich die Kraft und den Anschwung in mir spüren kann, statt es ständig zu erzwingen. Und das Leben lebt doch schließlich von beidem: Von den Gegensätzen, die sich gegenseitig begünstigen.
