Vermeidung aus Selbstfürsorge

Der Infekt ist schon besser geworden. Nur noch ein bisschen Husten. Das geht schon.

Ich lese die Zeilen einer Mutter, in denen sie mit einem ähnlichen Wortlaut den Gesundheitszustand ihres Kindes beschreibt. Ich freue mich, dass es dem Kind besser geht und denke direkt auch an die alleinerziehende Mama, die somit wieder aufatmen kann. Was sich noch in mir breit macht: Unruhe. Unverständnis bei gleichzeitigem Verständnis.

Geplant war an einem Gruppentreffen teilzunehmen. Einmal in der Woche versuche ich mit Herzenskind dorthin zu gehen, um in Kontakt zu kommen und zwei Stunden ein Gruppenfeeling zu ermöglichen. Ich möchte das wirklich gerne und wir hatten die letzten Male eine gute Zeit – auch wenn es uns am Ende erschöpft und wir nach diesem Zeitraum daheim nicht mehr viel machen. Ich muss dafür einen halbwegs gefüllten Tank haben, denn die vielen Eindrücke neben der Regulation meines Herzenskindes in reizvoller Umgebung saugt mich instant leer. Natürlich verbuche ich auch Gewinn, keine Frage. Ein wenig ins Gespräch zu kommen, neue Menschen zu beobachten und kennenzulernen – das tut meinem sozialen Tank ganz gut und lässt mich über die Erschöpfung hinwegsehen.

Nun soll also ein Kind an der Gruppe teilnehmen, das noch nicht ganz gesund ist. Für mich: Es ist noch krank. Wir könnten uns also anstecken. Und ganz am Rande: Ist uns bisher jedes Mal passiert, wenn wir uns mit anderen getroffen haben, wo nur noch ein bisschen Schnupfen oder Husten vorhanden war. Ja, man kann sich nicht vor allen Dingen schützen und sobald man mit Menschen zusammen kommt, ist nunmal ein gewisses unsichtbares Risiko da.

In meinem Kopf entsteht Chaos. Alle Gedanken fliegen durcheinander. Mein Bauch tut weh. Ein Großteil in mir sagt: Ich will da nicht hin. Ich will gerade einfach nicht krank werden, weil meine Ressourcen so knapp sind. Ein kleiner Anteil in mir fängt mit den ganzen rationalen Gründen an. Relativiert. Und ich kann nicht mehr klar denken. Wie gerne möchte ich uns beiden ein paar Stunden in anderer Umgebung und Gesellschaft ermöglichen. Vielleicht ist es ja tatsächlich nicht mehr so schlimm und es wird gar nichts passieren. Doch dann sehe ich, was in den kommenden Tagen noch ansteht. Immer wieder Kontakt mit Menschen, die auch mit noch-kranken Menschen arbeiten. Eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. In Sekundenbruchteilen sehe ich all die Keime und Erreger, die sich da so tummeln und darauf warten, mich und mein Kind auszuknocken. Hallo? Geht’s noch? Wo kommt denn hier auf einmal die Panik her?

Ich bin auch vor der Geburt von meinem Herzenskind in der Erkältungszeit nur wenn absolut nötig unter Menschen gegangen. Geschweige denn die Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln. Mein Immunsystem unterstütze ich zwar, doch oft legt mich die kleinste Erkältung eines anderen schon mit Fieber flach. Ich sehe natürlich auch den positiven Effekt für den Körper, denn immerhin wächst das Immunsystem an der Aufgabe. Doch erstmal wirft es mich sehr zurück und der Benefit fühlt sich am Ende trotzdem noch mehr nach Verlust, als nach Gewinn an. Würde ich vor Kraft und Saft strotzen, wäre mir das egal. Würde ich mich nur um mich sorgen müssen, wäre mir das egal. Denn das war auch mal so. Nun sehe ich, was alles an mir hängt. Was ich zu tragen habe. Dass ich – trotz eines Infektes mit Fieber – hier den Laden am Laufen halten muss und kein Netzwerk habe, das meinen Ausfall auffängt. Dementsprechend: Was im ersten Moment an Hypochondrie erinnert, ist eher eine Form von Selbstfürsorge. Ich verlasse gerne meine Komfortzone, stürze mich in Abenteuer und Erfahrungen – und kann meine aufflackernden Unsicherheiten und Ängste gut beschwichtigen. Doch nach der vergangenen Woche, die mich wieder viel gekostet hat und dem zarten Gefühl von aufkommender Erholung, möchte ich mich nicht mit Anlauf in ein Risiko stürzen.

Dieses Abwägen. Dieses Sortieren der vielen Gedanken und Gefühle. Es hat mich erschöpft. Die Luft war für ein paar Stunden raus bei mir. Wo ich anfangs noch vor hatte, einfach eine andere Aktivität mit Herzenskind vor der Tür anzugehen, war schließlich  nicht mehr viel übrig. Ich war traurig und niedergeschlagen. Gerne hätte ich diesen Nachmittag so verbracht, wie ursprünglich geplant. Doch meine Angst war in diesem Fall größer und ein Stück weit war ich enttäuscht von mir, dass ich nicht darüber gegangen bin. Nach dem Motto: Einfach machen, kann doch gut werden. Pustekuchen. Ich möchte nachsichtig mit mir sein, schaffe es gerade noch nicht. Vielleicht später.

Der Nachmittag endete auf dem Sofa. Meine Vorschläge, doch noch für gewisse Aktivitäten vor die Tür zu gehen, wurden vom Herzenskind freundlich abgewiesen. Sei es drum. Action und Abwechslung haben wir in den kommenden Tagen noch genug. Doch das doofe Gefühl der Enttäuschung über mich selbst bleibt.