Es geht einfach nicht

Auch wenn Sie arbeiten wollten – es geht einfach nicht! Es ist keine Sache des Wollens, sondern des Könnens.


Meine Therapeutin begleitet mich nun schon seit sieben Jahren und hat mich kennengelernt, als ich bereits ohne Erwerbstätigkeit war. Zu diesem Zeitpunkt lag eine medizinische Rehabilitation hinter mir und ich entschloss mich dazu, eine neue Psychotherapie zu beginnen, denn die nette Therapeutin aus meiner Heimat konnte ich aufgrund der Entfernung nicht mehr aufsuchen. Und ich hatte irres Glück damals, so schnell wieder eine wirklich passende Psychotherapeutin in meiner neuen Wahlheimat zu finden. Nach sieben Jahren kann ich sagen: Die Frau kennt mich ziemlich gut und mit ihrer Unterstützung bin ich in meiner Persönlichkeitsentwicklung unwahrscheinlich vorangekommen. Sie erinnerte mich kürzlich noch einmal liebevoll und bestimmend daran, dass es löblich ist, wenn ich davon spreche, einen Teil zur Haushaltskasse beitragen zu wollen – aber da unser Herzenskind die intensive Betreuung über die Jahre brauchte und das Ganze auch mit Schulbeginn nicht automatisch endet, wird es mir noch eine Weile nicht möglich sein, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. Unser kleines Familiensystem würde daran zerbrechen.

Mein Herzmensch und ich waren uns zu der Zeit, als ich meine Therapeutin kennenlernte, einig, dass eine Erwerbstätigkeit für mich keinen Sinn machte, denn wir hatten den Wunsch, eine Familie zu gründen und es war finanziell nicht notwendig. Dass mir mein Herzmensch den Raum gehalten hat, mich nach meiner bewegenden Vergangenheit selbst zu rehabilitieren, war für mich damals und ist auch heute für mich nicht selbstverständlich. Natürlich ging ich damit zunächst eine finanzielle Abhängigkeit ein, vor allem unter der Prämisse, dass wir mit einem Kind in unserer Mitte die klassische Rollenverteilung leben würden. Wir hatten Pläne und Vorstellungen, gingen davon aus, dass meine Hauptaufgabe als Hausfrau und Mutter eventuell nur von kurzer Dauer sein würde – zumindest, bis unser Kind mit frühestens drei Jahren eine Betreuung besuchen könnte. Mehr als eine Teilzeittätigkeit hätte ich für mich nicht gewollt und auch Herzmensch wäre darüber absolut dankbar gewesen, dass ich auch weiterhin für unser Kind verfügbar wäre.

Dann kam unser Kind. Und uns wurde ziemlich schnell klar: Das wird nix mit dem „Standard“-Familienleben. Selbst mit einer Betreuung ab dem dritten Lebensjahr waren wir im Umfeld fast die Ausnahme. Doch auch das sollte für unser Familienleben keine Option mehr sein. Kurzum: Unser Kind ist ohne Kindergarten aufgewachsen. Ich habe den überwiegenden Anteil der Betreuung übernommen. Ohne Dorf. Ohne Netzwerk. Erst nach dem vierten Geburtstag entstanden Verbindungen, die für kurze Zeiträume in der Woche Unterstützung brachten. Die Besuche von den Großeltern wurden regelmäßig herbeigesehnt, denn da entstand irgendwann bei allen das Vertrauen und die Gewissheit: Hier geht’s Herzenskind gut. Und: Ich spüre in mehreren Bereichen des Alltags Entlastung. Aber: Eben immer nur für kurze Zeiträume. Den Löwenanteil wuppte ich allein. Herzmensch und ich hielten uns gegenseitig den Rücken frei – entweder, damit er spontan auf Arbeit einspringen konnte, wenn Not am Mann war oder er schaffte für mich kurze Zeiträume, damit ich einen Ausgleich zum Mama-Alltag bekam. Und das ist auch weiterhin so. Wir beide sind die einzigen, die uns regelmäßig gegenseitig entlasten können. Wir jonglieren das hier ziemlich gut. Aber es erschöpft auch immer wieder.

In den vergangenen Jahren kamen oft bei mir die Gedanken auf, ob wir uns anders aufteilen könnten. Ein kleiner Anteil in mir wünschte sich Abwechslung und mal wieder nur ‚Ich‘ zu sein. Ich fand meinen Ausgleich im Schreiben und kann sagen, dass mich das mittlerweile ziemlich erfüllt. Ich weiß, ohne das Schreiben hätte ich die letzten sieben Jahre wohl weniger gut überstanden. Dann flatterten sogar mal Job-Ideen vor meine Augen: Mit Schreiben Geld verdienen? Mama-Business? Unzählige Webinare und kostspielige Schulungen versprachen größte finanzielle Unabhängigkeit und Vereinbarkeit mit dem Familienleben – aber jedes Mal schreckte mich die hohe finanzielle Investition ab, die ich zu Beginn leisten sollte. Und wenn ich so in mich hinein spürte, wurde mir ziemlich schnell klar: Meine Ressourcen reichten hinten und vorne nicht, um mehr als Kind und Haushalt zu bewerkstelligen. Noch mehr Verantwortung? Auch wenn es manches Mal reizvoll war, ein bisschen frischen Wind im Alltag haben zu können, erdrückte mich bereits der Gedanke daran, noch mehr wuppen zu müssen. Mein Autismus und mein ADHS spielten fröhlich Ping Pong im Kopf.

Mit der Perspektive, dass unser Herzenskind bald eine Schule besucht und der Alltag sich neu strukturiert, kamen natürlich schon die Gedanken auf, dass die Vormittage dann theoretisch für mich frei und eine kleine Tätigkeit drin wäre. Theoretisch. Praktisch haben wir ein Kindchen im Autismus-Spektrum, das keinerlei Erfahrung in einer Betreuung sammeln konnte (was nicht tragisch ist) und bei viel Anforderung schnell erschöpfen kann. Es ist noch ungewiss, wie er mit diesem neuen Pensum zurechtkommen wird und es ist klar, dass er sich daran erst einmal gewöhnen darf. Diese Zeit bekommt er. Doch sein Nervensystem ist sensibel, unser Kind ist sehr reizoffen – und er braucht immer wieder Ruhe, um zu erholen. Demnach ist es für alle Beteiligten gut, wenn ein Elternteil abrufbar ist, falls wirklich nix mehr geht. Meine Aufgabe als pflegende Mama endet nicht, sobald mein Kind die Schule besucht. Die Regulation davor und danach benötigt Zeit und Energie. Es ist weiterhin wichtig, was ich hier daheim tue.

Mir begegneten in den letzten Monaten immer mal wieder Stellenanzeigen in Geschäften oder Einrichtungen, die ich regelmäßig besuche. Ob in Voll- oder Teilzeit, auf geringfügiger Basis oder nur wenige Stunden – es war alles dabei. Und immer wieder ging ich in mich, spürte mal rein. Ich bin ja schon begeisterungsfähig und konnte mir manches für einen Moment vorstellen. Doch dann schaltete sich schnell Vernunft und Verstand ein: Nein. Es geht leider (noch) nicht. Vielleicht kommt eines davon irgendwann mal infrage – aber jetzt klappt es nicht, egal, wie gerne ich möchte oder mich drehe und wende.

Was das für meine Rente bedeutet, ist mir klar. Dass ich finanziell von meinem Herzmenschen abhängig bin, ist mir klar. Aber ich weiß: Meine Zeit wird wieder kommen. Dass dieses patriachale System die Care-Arbeit von Elternteilen, die keiner Erwerbstätigkeit nachgehen können, nicht entsprechend honoriert, schafft leider eine schlechte Basis und jeden Tag kämpfen unwahrscheinlich viele Familien mit diesem Ungleichgewicht. Ich bin dankbar, dass es uns möglich ist, als Familie von einem Gehalt zu leben. Ich bin dankbar für die Unterstützung unserer Familien. Ich weiß, dass vieles nicht selbstverständlich ist, was wir haben. Doch das, was für die meisten Familien selbstverständlich ist – sprich Kinder in Betreuung und Eltern in Erwerbstätigkeit – war für uns bisher keine Realität.

Und weil ich weiß, dass meine Erwerbstätigkeit erstmal noch eine ganze Weile auf mich warten darf, bin ich wohl so engagiert, mein erstes Buch noch einmal neu aufzulegen und mit mehr Plan und professioneller Unterstützung auf den Buchmarkt zu bringen. Damit ich die Chance bekomme, so etwas wie eine Teilzeittätigkeit zu leben. Damit ich mich ein Stück weit selbst verwirklichen und sogar einen sichtbaren Beitrag außerhalb der eigenen vier Wände leisten kann. Und wenn vieles noch nicht geht, klappt das immerhin ganz gut.