Notwendiges Übel

Auf einmal ploppt es im Kopf auf: Halbwertzeit. C4-Methode.

Puhh. Lang ist’s her. Ich denke, es war im Biologie-Leistungskurs der 12.Klasse.

Wir sprachen in einigen Unterrichtsstunden über diese gängige Methode, mit der man das Alter von Fossilien bestimmen kann. An sich ist das spannend – sage ich heute, mit 36 Jahren. Aber damals? Mit 18 Jahren? Ich konnte kaum folgen, denn in meinem Orbit hinter der Stirn kreisten zu der Zeit so viele „wichtige“ Themen aus allen möglichen Fächern.

Ich musste mich damit befassen. Es stand auf dem Plan. Irgendjemand hatte damals festgelegt, dass die angehenden Abiturienten diese vielen Themen in sämtlichen Fächern lernen sollten – nichts ahnend, was davon in den Abiturprüfungen relevant werden würde.

Ich erinnere mich noch an Mathe in der 11.Klasse, als wir für recht viel Geld einen speziellen Funktionstaschenrechner kaufen mussten, damit wir in den kommenden Schuljahren DEN Helfer schlechthin für die komplizierten Rechenaufgaben auf dem Tisch hatten. Mein Mathelehrer war hin und weg, konnte seine Euphorie für dieses Gerät kaum zügeln. „Ihr könnt damit wirklich ALLES machen!“, sagte er energisch und in einer Freude, die man von ihm gar nicht gewohnt war – als hätte er den heiligen Gral in der Hand. Ich fragte ihn daraufhin etwas provokant: „Sie sagen, wir können damit ALLES machen. Kann ich damit auch Kuchen backen? Kann ich damit Mittagessen kochen oder Wäsche waschen?“ Er schaute mich verdutzt an und verneinte meine Frage. „Gut, dann brauche ich den Taschenrechner nicht“, sagte ich schließlich mit einem Hauch Ironie. Er nahm es mit Humor, wie auch der Rest meiner Klasse.

Ich hatte ein Ziel damals, als ich mich dazu entschieden hatte, mein Abitur zu machen: Ich wollte Medizin studieren und in die Rechtsmedizin gehen. Dafür brauchte ich nicht nur einen Notenschnitt von 1,0, sondern auch einiges an Wissen aus dem Abitur, denn mir sollte vieles davon auch im Studium begegnen und intensiviert werden. Ich war motiviert. Ich wollte das. Wirklich. Und bis zu einem gewissen Punkt kam ich auch gut mit in den vielen Fächern; konnte ganz gute Noten vorweisen.

Und hätte ich mich auch nur auf die Schule konzentrieren müssen, wäre der gute Notenschnitt vermutlich kein Problem gewesen. Doch da passiert ja noch eine Menge mehr neben dem reinen Unterrichtsstoff, der verstanden werden will. All das, was zwischenmenschlich im Schulalltag läuft. All das, was neben der Schule im Privaten noch so anfällt. Und mein Nervensystem hat da keinen Filter vorgeschoben – alles war wichtig. Alles wollte mental durchgekaut werden. Alles wollte verstanden werden. Ich hätte ganz gut zwei Gehirne gebrauchen können, um das alles zu verarbeiten, was da auf mich einwirkte.

Wenn man denkt, alles ist irgendwie wichtig, was die Schule einem so vor die Nase legt und man sollte das auch wirklich alles gut auf’m Schirm haben – dann rennt man eigentlich mit Anlauf ins Verderben. Ich wollte das gut machen – nein, sehr gut, denn da war ja ein Numerus Clausus gefordert. Ich ackerte und ackerte. Befand mich innerlich ständig in der Zwickmühle, weil ich auch noch Freizeit mit meinem Freund oder mal einer Freundin verbringen wollte. Dann waren da die ganzen Verpflichtungen neben der Schule.

Vieles von dem Unterrichtsstoff war so trocken und leblos. Ich wusste: Ich muss das alles können, sonst wird das nichts mit dem Notenschnitt. Manche Fächer ödeten mich an, aber ich sah sie als notwendiges Übel ganz nach dem Motto: „Da muss ich durch.“  Wenn ich dann tatsächlich mal für etwas richtig zu begeistern war, fielen mir Hausaufgaben sogar richtig leicht von der Hand. Kaum zu glauben, wie begeistert ich mal von Latein war, dass ich sogar eigene Texte schrieb. Aber wenn ich mich mit dem Herrscherregime in Asien beschäftigen sollte, blickte ich nicht durch.

Was passierte schließlich, als ich Richtung Abitur in einigen Fächern nicht mehr die Leistung aufbringen konnte, die mir entsprechende Notenpunkte für den Abschluss eingebracht hätten? Richtig. Ich zweifelte an mir. Ich sah nur noch das, was ich nicht gut konnte. Bekam Bauchschmerzen vor den Klausuren. Im Abijahr nahm ich schließlich Mathenachhilfe, denn ich hatte den Glauben an meine einstigen Mathe-Fähigkeiten völlig verloren. Ich wollte es irgendwie retten – aber ich wusste bereits, dass ich den geforderten NC von 1,0 nicht schaffen würde. Ich freundete mich mit dem Gedanken an, nach dem Abitur eine Ausbildung zu machen, um mit Wartesemestern und Berufserfahrung den Notenschnitt anzuheben.

Dennoch gab ich mein Bestes, um ein gutes Abitur zu schaffen – und rückblickend bin ich immer wieder erstaunt, wie mein Nervensystem das geschafft hat, bei all den Unbeständigkeiten und dem Stress in der Schule und auch privat. Heute sehe ich aber auch, was ich alles durchkauen musste, notgedrungen, einfach weil es jemand so vorgab. Wenn die Begeisterung für die Themen fehlte, war es unsagbar schwer, den Stoff nachhaltig zu lernen. Konnte ich hingegen etwas eigenes gestalten und erarbeiten, zehrte ich länger davon. Die Präsentation eigener Werke, mit eigenen Worten, machte mir immer total Spaß – und wenn darauf Wertschätzung folgte, erhielten meine Zweifel wegen Unfähigkeit in manchen Fächern ein gutes Gegengewicht.

In der Ausbildung gab es auch gewisse Themenblöcke, die notwendig waren, aber leider nicht nachhaltig verankert blieben. Wenn das antrainierte Wissen später keine Anwendung bei mir findet, geht es in der Unendlichkeit meiner Hirnwindungen verloren. Irgendwo dämmert es mir dann nochmal, wenn ich Begriffe höre oder lese – aber da ich mein Fachwissen schon lange nicht mehr täglich anwenden kann, ist inzwischen vieles in Vergessenheit geraten.

Heute sehe ich mein Herzenskind und erlebe Lernen auf eine andere Weise. Denn wenn die Begeisterung und das Interesse nicht da ist, kommt in diesem kleinen Köpfchen nichts an – es wandert nur hindurch, bleibt nicht nachhaltig haften. Ich kann also nicht hineinfüllen, was nicht gebraucht wird. Unser Kind hat ein eigenes Wachstumsprogramm und weiß tief in sich drin, was gerade wichtig ist. Ich kann Anreize geben, neue Impulse und meinem Kind zeigen, wie etwas funktioniert. Doch wenn es jetzt nicht wichtig ist und nicht haften bleibt, dann vielleicht später. Mit Blick auf den baldigen Schulstart hoffe ich, dass dieser kleine Mensch einen anderen Lernweg beschreiten wird. Dass das eigene Tempo Berücksichtigung findet und der Blick auf seine Stärken gelegt wird, um ihn darin zu fördern – statt zu versuchen, in jedem Schulfach richtig gute Leistungen abzuliefern. Aber mit der Wahl der Schule bin zuversichtlich, dass mein Kind weniger notwendige Übel erdulden muss, als ich in meinen dreizehn Jahren Schulzeit.