Ich soll alles im Griff haben – und ich soll loslassen können.
Ich soll nicht immer sofort springen – und ich soll rechtzeitig den Absprung schaffen.
Ich soll eine behütetes Zuhause geben – und ich soll nicht überbehütend sein.
Ich soll meinen Weg gehen – und ich soll nicht vom ‚richtigen‘ Weg abkommen.
Ich soll gesund essen – und ich soll nichts Süßes verbieten.
Ich soll konsequent sein – und ich soll liebevoll sein.
Ich soll mir nicht so viele Gedanken machen – und ich soll bloß nichts vergessen.
Ich soll mich selbst nicht vergessen – und ich soll mein Kind nicht vernachlässigen.
Ich soll Struktur aufrechterhalten – und ich soll mal ‚fünfe gerade‘ sein lassen.
Ich soll meine Worte mit Bedacht wählen – und ich soll nicht alles wörtlich nehmen.
Ich soll meinem Gefühl trauen – und ich soll keine Entscheidung nur aus meinem Gefühl heraus treffen.
Ich soll Wurzeln geben – und ich soll Flügeln Entfaltung schenken.
..
Ich bin die ‚Expertin‘ für mein Kind – und ich bin ‚betriebsblind‘.
…
Zwischen all diesen Tipps, Meinungen und Sichtweisen stehe ich. Jeden Tag. Und versuche herauszufinden, was davon jetzt für mein Leben richtig sein soll. Und nicht nur für mein Leben – sondern auch für das meines Kindes. Ich versuche da irgendwo eine gute Mitte zu finden.
Mittlerweile weiß ich darum, dass ich mich jahrelang an den Sichtweisen und Meinungen im Außen orientiert habe. Dass ich ein Stück verlernt habe, meinem eigenen Gefühl zu vertrauen. Alles mit Logik und Verstand zerdacht habe.
Und das kollidierte mit meinem Kind.
Mein Kind. Dass sich bereits beim Geburtsprozess Zeit ließ, denn er wollte auf die Welt, aber bitte nicht ganz so schnell. Und so zeigt sich diese Dynamik immer noch: Irgendwie wollen, aber auch irgendwie nicht nicht ganz so sicher sein. Was hat ihm von Anfang geholfen, seinen Weg zu gehen? Zunächst ich als Mutter, dann immer mehr mein Herzmensch und Schritt für Schritt wurde der Vertrauenskreis erweitert. Aber: Im Tempo von Herzenskind. Er brauchte das einfach, diese nahe Begleitung, die Zeit. Dieses Back-up. Und das ist immer noch so.
Er konnte sich von Geburt an auf uns verlassen. Auf mich als Mutter eben noch mehr, weil ich die allermeiste Zeit an seiner Seite war. Und ich hatte schnell raus, was da in diesem kleinen Menschen los war. Klar, manchmal stand ich auch fragend vor ihm und wusste nicht, was ich tun sollte. Und das ist immer noch so. Wird auch sicher immer so sein.
Denn: Menschliches Verhalten ist und bleibt für mich ein Rätsel. Wenn ich gerade das Gefühl habe, ich durchblicke das alles ganz gut, hab den Dreh raus – dann kommt’s wieder unvorhergesehen um die Ecke und ich stehe vor den nächsten Fragen.
Und ich will das nicht ständig alles zerdenken. Nicht ständig alles analysieren. Ich will auch mal nur fließen und fühlen. Doch ich lebe in einer Welt, die Verstand, Logik und Regeln als ihr höchstes Gut betrachtet. Komme ich dann um die Ecke und wünsche, dass mir mein Empfinden und die Gefühle meines Kindes nicht wegrationalisiert werden sollen, ist es wieder da: Das Alien-Gefühl.
Und ich verstehe das ja auch. Wo viele Menschen zusammen kommen, braucht es Regeln, Strukturen, Routinen und Vorhersehbarkeit. Da auf jeden kleinste Empfindung und auf jedes Bedürfnis gut einzugehen, ist schwierig und eigentlich kaum möglich. Dann kann man schon sagen: Unser Herzenskind ist – nach der allgemeinen Auffassung von Normalität – auf dem „Ponyhof“ aufgewachsen.
…
Vieles ist so leicht dahergesagt. Kurzer Prozess in der Kommunikation. Manches kommt automatisiert aus den Menschen heraus und wird weitergetragen, ohne es wirklich zu hinterfragen. Ohne zu schauen: Passt das wirklich zu dem Menschen, der da vor mir steht? Und wenn dann einige Menschen, so ganz unabhängig voneinander, mit den gleichen Aussagen vor mir stehen, frage ich mich natürlich immer wieder: Haben sie Recht? Wenn scheinbar nur ich das so sehe, muss meine Sicht theoretisch verkehrt sein.
Wir wollen uns zugehörig fühlen. Wir wollen Freundschaften schließen. Teilhabe bekommen. Ich weiß, dass dazu auch ein Stück Anpassung nötig ist. Ein Abweichen vom eigenen „Richtig“. Doch bis wohin ist das gut, ohne sich selbst aufzugeben? Das ist sicher individuell. Und das macht’s für mich als neurodivergente Mama mit neurodivergentem Kind so schwierig. Ich erlebe meine Grenzen neu und darf sie nicht mit denen meines Kindes vermischen oder gar verwechseln. Kacke, und dann verändert sich das ja alles ständig. Ich komme da manchmal nicht hinterher.

Irgendwie ist das bei uns von Beginn an kein kurzer Prozess, egal bei was. Beim Fühlen und Denken. Beim Aktivsein und Regenerieren. Alles braucht etwas mehr Zeit. Damit die Nervensysteme hintergekommen. Und diese bewusste Langsamkeit, dieses achtsame Erleben möchte ich meinem Kind bewahren. Er durfte bisher stets selbst herausfinden, wenn er für etwas bereit war – denn alles Üben, alles Anstupsen im Vorfeld hatte keine positive Auswirkung, außer eben ein Kind, das verweigert und komplett dicht macht. Doch wir haben immer seine Bereitschaft gesehen, jedes kleinste Zeichen, jeden noch so winzigen Schritt.
Und ich wünsche mir, dass dies auch jetzt gesehen wird. Dass es ein gegenseitiges Entgegenkommen ist, statt einseitige Anpassung. Dass das Vertrauen in das Tempo dieses kleinen Menschen die Orientierung für alle sein darf. Er wird seinen Weg gehen, wenn wir ihn lassen. Wenn wir begleiten und nicht ziehen. Wenn er mitgestalten darf, statt alles gestaltet zu bekommen. Und ich versuche dabei wieder als Vermittlerin zu fungieren und mich so für mein Kind einzusetzen, dass es gesehen und nicht vorschnell in Schubladen gesteckt wird. Denn Schubladen sind für mich viel zu sehr kurzer Prozess.
