Preisgeben

Gerade frage ich mich: Wieviel will ich von mir noch preisgeben?

Ich schreibe über alles, was mich beschäftigt. Gebe einen Einblick in mein Erleben, in meine Gefühlswelt. Zeige, wie sich das Leben als verwaiste Mutter anfühlen kann und wie ich einen Weg mit meiner Trauer finde. Wie es ist, selbst neurodivergent zu sein und rund um die Uhr für ein neurodivergentes Kind zu sorgen.

Ich schreibe in erster Linie, weil es mir hilft. Weil es mich sortiert und mehr Klarheit in mir schafft, wo zuvor alles undurchsichtig erschien. Diese ewigen Gedankenspiralen zu durchbrechen, gelingt mir tatsächlich nur durch das Schreiben. Meditieren oder meine Gedanken liebevoll wie Wolken vorbeiziehen lassen – klappt irgendwie nicht. Ich brauche diese direkte Verarbeitung, das Auseinandersetzen und Wiederzusammenfügen.

Und tatsächlich fand ich den Gedanken damals ganz schön, das in Form einen Blogs zu machen. Die Möglichkeit, dass Menschen mitlesen können, eröffnet einen Raum für Austausch. Eine Rückmeldung zu bekommen – das braucht wohl jeder Mensch in unterschiedlicher Ausprägung. Natürlich war mir bewusst, dass ich mit meinen Themen keine große Leserschaft erreichen würde. Dass Menschen bei diesen Themen nicht voller Euphorie in den Austausch gehen würden – denn dafür bewegt es vielleicht zu tief und braucht Zeit. Wenn ich nicht regelmäßig abliefere, wird die Leserschaft auch nicht größer – so mein Eindruck. Mir geht täglich vieles durch den Kopf – aber nicht alles davon möchte ich mit anderen teilen oder bekomme es gut leserlich verpackt.

Seit einigen Tagen mache ich eine Social-Media Pause. Einmal im Monat, wenn alles in mir auf Rückzug eingestellt ist, kann ich die vielen Informationen in den sozialen Medien kaum verarbeiten. Mein Selbstwert hängt zu dieser Zeit eh ordentlich im Keller und wenn ich dann sehe, wie andere ihren Alltag bewältigen, wie all die Tipps und Ratschläge für den Umgang mit Kindern optisch ansprechend dargestellt werden und an jeder Ecke mit Selbstoptimierung geworben wird – ja, da springe ich mit Anlauf in einen Meltdown. Ich merke, wie es mir Energie abzieht, mich mit den Lebensrealitäten anderer Menschen zu beschäftigen, die ich sehr wahrscheinlich niemals persönlich treffen werde. Und erschreckenderweise erwischte ich mich in gewissen Momenten dabei, wie ich ewig lange durch den Feed scrollte, auf Dopaminjagd unzählige Beiträge und Bilder ansah – aber letztlich kaum noch Energie für den Tag übrig blieb. Es waren Momente, in denen ich erkannte: Es macht süchtig. Und eine Sucht ist ja irgendwie eine Form von Suche. Ja, was suche ich denn da? .. Eine Form von Zugehörigkeit, Verständnis und Gesehenwerden – etwas, das ich in der Offline-Welt nicht ganz so häufig täglich finde, vor allem hinsichtlich der eigenen Neurodivergenz und der des Herzenskindes. Umso größer ist dann aber auch der Kulturschock, sobald man von der Online-Welt wieder in den realen Alltag übergeht.

Desweiteren merke ich, wie sich innerlich Druck aufbaut, weil ich das Gefühl habe, dort immerzu abliefern zu müssen, um gesehen zu werden. Als ich mich Anfang des Jahres neu anmeldete, um dort meine Bücher zu bewerben, war die Motivation groß. Mir war klar, dass es Zeit braucht, um Reichweite zu bekommen. Doch mit der Zeit begriff ich immer mehr, dass da erstmal ein großer Energieaufwand betrieben werden muss. Dass nur bestimmte Beiträge eine gewisse Reichweite erhalten. Dahinter steckt ein System, ein Algorithmus, den ich noch nicht begriffen habe und dem ich mich eigentlich nicht zwanghaft unterordnen möchte, denn irgendwie geht dann wohl meine Authentizität verloren.

Im Laufe des Jahres habe ich gespürt, dass ich mit der anfänglichen Überzeugung und Euphorie, meine Autobiographie unter die Menschen zu bringen, mittlerweile nicht mehr übereinstimme. Da kam immer wieder die Frage in mir auf: Möchte ich wirklich so viel aus meinem Leben mit den Menschen teilen? Ich war zunächst davon überzeugt, dass es für viele Menschen wichtig sein kann, aus den Erzählungen anderer etwas für sich mitzunehmen. Den Weg mit meinen Büchern zu gehen, hat mich mutiger gemacht, innerlich gestärkt – allem voran die Tatsache, dass ich in meinem Alltag irgendwie noch zwei Bücher geschrieben habe. Innerlich stand ich auf Messers Schneide, denn zu einem Teil habe ich das für mich getan, weil es ein Traum von mir ist – zum anderen war da schon der Wunsch, einige Leser zu erreichen. Ich fragte mich im vergangenen halben Jahr häufiger, was ich mit meinen Büchern, mit meinen Texten eigentlich wirklich erreichen möchte.

Ich sortiere also weiterhin fröhlich in mir. Und in Phasen von intensiver Zuwendung für mein Herzenskind neben allerlei Entscheidungen für die nahe Zukunft, die sorgsam getroffen werden wollen, bleibt nicht mehr viel Raum übrig, um regelmäßig abzuliefern. Dann bin ich froh, mich mit dem Schreiben zu ordnen, um in meiner kleinen täglichen Bubble klarzukommen. Es ist meine Ausdrucksform. Wenn ich es als Kunst betrachte, dann sollte mein Bestreben weiterhin dort liegen, mich selbst damit zu auszudrücken – und nicht unzählige Menschen erreichen zu wollen.

Ich freue mich über jeden Leser hier und da. Ich freue mich über eine Reaktion, über Austausch. Wenn ich sehe: Hey, meine Texte machen was mit Dir. Aber es sollte  nicht meine Intention für’s Schreiben sein.