
Manchmal glaube ich das. Was sie sagen.
Könnten.
Denn eigentlich sagen sie es nicht. Ich erwarte es. Es ist in meinem Kopf. In meinen Gedanken. Habe es früher mal gehört. Hier und da. Lese es heute immer wieder – als Erfahrung oder Erwartung anderer.
Diese ganzen abwertenden Gedanken. Worte. Sie scheinen im gleichen Takt wie Begrüßung und Abschied gesprochen zu werden.
Dabei sagen es die Wenigsten direkt. Wenn, dann durch die Blume. Zwischen den Zeilen. Ich sehe es in ihrem Blick. In ihrer Körperhaltung. Ich spüre Energie.
Doch ist das wirklich so? Ist das nicht vielleicht doch nur mein eigener Anteil, der da laut wird? Erwarte ich, dass sie sich so verhalten?
Es gibt Themen, die bei mir pieksen. Bei denen ich in Erklärung, ja beinahe Rechtfertigung verfalle. Da wird Energie in mir frei – möchte ich doch unbedingt meinen Weg verteidigen vor Angriffen. Aber greift mich da wirklich jemand an – oder bin ich mir meines Weges vielleicht doch nicht so sicher, wie ich glaube?
Die vergangene Woche arbeitet in mir. Mein System bräuchte eigentlich Ruhe, um das alles zu verarbeiten. Weniger Reize. Weniger Anforderungen. Und doch muss ich. Das alles wuppen – was still oder laut erwartet wird. Viel Kontakt mit Menschen bringt mich in ein Ungleichgewicht. Mittlerweile merke ich selbst, an welchen Stellen ich, um des Friedens Willen, Masken aufsetze – weil ich weiß, dass mein ehrlicher Ist-Zustand sonst keine Verhandlungsbasis ermöglicht. Ich will fair bleiben, denn die anderen können nichts für meine Verfassung. Für meine Erschöpfung. Wollen hier und da helfen. Und ja, Unterstützung ist schön. Doch gleichzeitig werde ich das Gefühl nicht los, dass daran doch Erwartungen und Bedingungen geknüpft sind. Wer Hilfe bekommt, sollte auch mitarbeiten – vereinfacht gesagt. Begegnete mir als Krankenschwester im Pflegealltag täglich – denn Patienten mussten eine gewisse Compliance mitbringen, wenn Therapie Erfolg bringen sollte.
Dieses Gefühl, zwischen den Stühlen zu stehen, lässt mich nicht los. Sehe ich doch, was mein Herzenskind mitbringt, wo es sich gerade bewegt. Sehe gleichzeitig die Bereitschaft anderer Menschen, zu unterstützen und Verantwortung aufzuteilen. Doch braucht es viel Geduld, Verständnis und Nachsicht, bis sich der kleinen Mensch dafür öffnen kann. Und da merke ich schließlich: Ich kann es selbst oft nicht aufbringen. Hinzu kommt: Je öfter wir uns in Räumen bewegen, in denen Vergleich möglich wird – desto herausfordernder wird es für mich, in der Geduld zu bleiben. Im Verständnis. Weil ich dann sehe: Guck mal, so könnte es auch sein.
Dann wird Scham in mir laut – dass ich das überhaupt denke, wird es meinem Kind doch nicht gerecht. Und dass ich mich vermutlich nicht genug angestrengt habe, meinem Herzenskind gewisse Dinge mit mehr Konsequenz zu vermitteln.
Dann spüre ich Reue, weil ich oft nicht dran geblieben bin. Weil ich den Frust, die Verweigerung und Ablehnung meines Kindes vermutlich nicht gut gehalten habe – und ihm damit sicher wertvollen Raum zum Wachstum nahm.
Dann gehe ich hart mit mir ins Gericht, denn immerhin war ich die vergangenen Jahre stets und ständig an seiner Seite und folglich kann ja nur ich der Grund sein, warum mein Kind noch nicht diese Selbstständigkeit und Selbstsicherheit lebt, wie seine Altersgenossen. Es kann nur an meiner fehlenden Konsequenz und Durchsetzungsfähigkeit liegen.
…
Dann glaube ich das alles. Das, was sie sagen könnten. Obwohl es eigentlich in meinem Kopf ist.
Aber ich will das nicht glauben. Nicht ganz. Weil es das ausblendet, was auch da war. Was da ist. Allem voran das, was mein Kind mit auf diese Welt bringt. Seit seiner Geburt deutlich wahrnehmbar ist. Und ja – sein Nervensystem wurde durch die Schwangerschaft geprägt. Kürzlich kam mir der Gedanke, dass sich in Herzenskind alle möglichen Themen seiner Eltern potenzieren – und vielleicht auch von Generationen davor. Dass dieser kleine Mensch eine Wut und Widerstand in sich trägt, der für mehrere Menschen reicht. Und daneben steht die Angst und Unsicherheit, wie man seinen eigenen Weg gehen kann – wenn von einem still erwartet wird, den Weg der anderen zu gehen. Seine Verweigerung hat für ihn einen Sinn. Sie schützt ihn. Die Schwierigkeit entsteht in erster Linie durch die Wertung im Außen.
„..da fragt man sich schon, ob es einfach nur bockiges Verhalten oder sein Autismus ist.“
Diese Worte hallen in mir nach. Und ich habe mich das selbst oft gefragt. Gleichzeitig geht mein eigener Anteil damit in Resonanz, wenn jemand über bockiges Verhalten spricht – war es der O-Ton meiner Kindheit. Ich kann diesen Begriff nicht leiden. Als er in Bezug auf mein Herzenskind ausgesprochen wurde, war ich für einen Moment sprachlos. Erst viele Stunden später kam mir der Gedanke: Ist es nicht egal, ob es „nur“ das eine oder das andere ist? Das Verhalten des Kindes zeigt: Hier ist eine Grenze für mich. Sollten wir dann nicht immer versuchen, verständnisvoll und mit Respekt zu handeln? … Mich erschreckte, was da zwischen den Zeilen sichtbar wurde: Auf Verweigerung eines Kindes soll grundsätzlich mit Erziehung reagiert werden. Aus dem „Nein“ soll im besten Fall ein „Ja“ gemacht werden – um es ganz drastisch zu formulieren.
Und vielleicht liegt genau darin der Kern meiner Selbstzweifel verborgen.
Ich habe meinem Kind stets sein „Nein“ gewährt. Seine Grenzen respektiert – in dem Vertrauen, dass er irgendwann bereit sein wird, etwas zu tun, zu dem er gerade noch nicht in der Lage ist. Weil es für ihn noch keinen Sinn macht oder noch eine wesentliche Verknüpfung in Kopf und Körper in Arbeit ist. Habe angeboten, versucht, Impulse gegeben – und respektiert, wenn nichts davon auf Anklang stieß.
Nun leben wir aber in einem System, dass Entwicklung messbar macht. Vergleich statistisch festhält. Eine Norm geschaffen hat. Tanzt einer aus der Reihe, muss dieser eine ja das Problem sein. Dann muss da doch was schief gelaufen sein – immerhin bekommen es alle anderen auch hin, wenn das „Nein“ wegerzogen und somit die Grenze übergangen wird. Das wird nicht immer direkt ausgesprochen. Das wird durch die Blume gesagt. Das zeigt sich in Verhalten. Und ich sehe es nicht nur bei anderen. Sondern auch bei mir. In meinen Gedanken. Denn ich wurde in dieser Norm groß. Und darf das nun alles radikal hinterfragen. Zum Wohle meines Kindes.
So frage ich mich: Ist es wirklich nur in meinem Kopf – oder vielleicht auch in den der anderen?

Eine Antwort zu “Alles in meinem Kopf”
Du kannst es so gut ausdrücken, was mir manchmal verwehrt ist – ich es mir selbst verwehre, weil ich immer allen LiebKind sein möchte und dabei mich selbst verleugne.
Tatsächlich weiß ich jetzt nicht, ob mein Kommentar nun etwas mit deinem oder meinem Beitrag zu tun hat? Mein Gefühl ist: sie vermischen sich.
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