Wie schaffst Du es nur immer, so ruhig zu bleiben? Du strahlst so eine Ruhe aus.
In den vergangenen Jahren habe ich mit einigen Müttern und deren Kindern gemeinsame Zeit verbracht. Und wie oft mir diese Worte begegnet sind – ich habe aufgehört zu zählen.
Es ehrt mich, dass ich scheinbar so eine beruhigende Wirkung auf die Menschen habe. Dass ich offenbar doch noch ziemlich ruhig die herausfordernden Situationen mit Herzenskind löse.
In mir fühlt es sich anders an. Und wie. Ich schlucke die Wut runter. Den Frust. Die Überforderung.
Ich bin in Gesellschaft anderer Familien sensorisch maximal ausgelastet: Die Geräusche der Kinder. Die vielen Gefühle, die bei groß und klein entstehen. Und dann noch das Außen: Geräusche, Gerüche, Temperaturen, Wind, Licht/Schatten. Das ganze Unausgesprochene. Die Regeln im gesellschaftlichen Miteinander. Ständiger Hunger, weil alles so viel Energie verbraucht – nicht nur bei mir, auch bei Herzenskind.
Ich bin bereits überreizt und überfordert, bevor es richtig losgeht.
Diese Situationen müssen immer mal wieder sein. Als Wachstumszone. Aber jeden Tag? Derzeit sag ich ganz klar: Nein danke. Nach zwei bis drei Stunden in Gesellschaft anderer Familien bin ich mehr als erschöpft. Und es braucht einige Zeit, bis ich mich wieder erholt habe. Meistens bin ich nach einem Treffen einem Shutdown nahe: Am liebsten kein Wort mehr sprechen und Rückzug. An so einem Tag wie heute (und eigentlich fast immer) darf ich den Shutdown nicht zulassen, denn ich bin allein mit Herzenskind. Dann komme ich eh schon mit einem bescheidenen Gefühl vom Treffen nach Hause, weil ich den Eindruck habe, mein Kind die ganze Zeit nur zurechtgewiesen zu haben. Wenn ich dann nur noch in kurzen, abgehackten Sätzen befehlsartig reagiere, kratzt es noch mehr an mir. Bringt mir das schlechte Gewissen meinem Kind gegenüber etwas? Wie immer – nicht.

Dieser Ausflug in den Wald heute war schön, denn die Umgebung macht immer viel mit mir. Auch die beiden Kinder fanden es super. Wir beiden Mütter haben uns gefreut, dass wir gemeinsam diesen schönen Ort besuchen konnten. Wären wir auf einem Spielplatz oder an einem anderen Ort mit lauter Umgebung und vielen Menschen gewesen, hätte ich es vermutlich gerade mal eine Stunde ausgehalten – und Herzenskind auch. Doch dieser Wald, der allmählich im frischen Grün des Frühlings erstrahlte, tat der Seele enorm gut.
Ich brauche eine Weile, um all das zu verarbeiten, was da zwischen den Kindern so los war, was die andere Mutter mir erzählt hat und wie ich reagiert habe. Es gab einige Momente, in denen ich aus lauter Überforderung meinem Herzenskind die Option vor Augen hielt, dass wir diesen Ausflug umgehend abbrechen, wenn es für ihn und mich zu schwierig würde. Ich habe die meiste Zeit nicht verstanden, warum sich die beiden Jungs immer wieder in Reibung befanden – aber es war wohl ihre Form der Kontaktaufnahme. Dass diese kleinen Menschen noch nicht in der Lage sind, die Perspektive zu wechseln, macht es für mich manchmal schwer, passende Erklärungen und Alternativen für den gemeinsamen Umgang zu finden. Ich wurde stiller und stiller. Zog mich in mir zurück, während ich weiterhin für mein Kind da war. Hinter meiner Sonnenbrille verdrängte ich einige Tränen. Ich schluckte runter, obwohl ich laut schreien und weg wollte. Aber hey, kann ja doch noch gut werden.
Wie gerne möchte ich sagen, dass es einfach schön war. Ich erkenne, was schön war. Dennoch. Da ist dieses Aber. Jedes Mal, wenn wir mit Menschen zusammen waren. Ich verstehe nun auch endlich mehr, warum dieses Aber immer wieder auftaucht: Weil es viel ist. Weil es mich kostet. Und ich stets nur aus einem maximal halbvollen Tank schöpfe. Am Boden des Tanks lauern alle alten negativen Glaubenssätze und Zweifel – und werden sichtbar, laut und unübersehbar, wenn der Tank leer wird.
Wenn man die andere Mama fragen würde, wie es für sie war: Schön, einfach schön. Kein Aber. Denn sie hat ein anderes Nervensystem, verarbeitet das alles mit mehr Filtern und weniger Überreizung.
Dieses Aber nervt mich heute. Wie so vieles an mir.
Heute. Wo die Hormone wieder umschwingen und sich PMS breit macht. Doch auch wenn da das Aber ist – ich bin froh, dass wir diesen Ausflug gemacht haben. Ich darf wieder viel für mich mitnehmen und daraus lernen. Herzenskind sicher auch, wenn auch in einer anderen Tiefe.
Ja, ich kann ruhig bleiben. Doch ich weiß nun auch, dass es eine erlernte Strategie ist, um im Außen keinen Schaden zu verursachen. In mir drin sieht’s dann eher anders aus.
