Verloren im Außen

Viel wahrnehmen.

Viel fühlen.

Viel denken.

Wenig Pause.

Wenig Ruhe.

Wenige Grenzen.

Der Kopf gibt kaum Ruhe. Ständig Online. Viel zu viele Tabs offen, die alle mit einer grellen Leuchtreklame daherkommen und mir unaufhörlich sagen: Hier! Guck mal! Suuuuuuper wichtig! Tolle Gedanken im Angebot! Und dann kommt diese Dynamik in mir, die aber wirklich wirklich alles davon ganz ordentlich und sauber abarbeiten will. Bloooooß nix vergessen!

Happy ADHS. Happy Autismus.

Zur Zeit habe ich die Nase voll davon. Es gelingt mir oft schon gut, mich abzugrenzen von den Dingen im Außen. Nicht alles zu meinem zu machen. Aber wenn zu viel auf mich einwirkt, kann ich diese kleinen Schutzwälle kaum noch aufrechterhalten. Gerade bekomme ich ein wenig die Quittung meines eigenen Anspruchs, ständig für alle und jeden verfügbar sein zu wollen. Ich habe so viel Energie in alle möglichen Richtungen ausgesendet, dass ich nun deutlich merke: Da ist fast nur noch Leere. Mein Kopf hat als reine Schutzfunktion auf Standby geschaltet: Nicht mehr denken. Was sonst bunt leuchtend, blinkend und mit sämtlichen fröhlichen Jingles daherkam, gleicht jetzt nur noch irgendwelchen flackernden, grauen Bildschirmen, die eintöniges Surren von sich geben.

„Es ist wie ein Flimmern in meinem Kopf“, sage ich gestern unter Tränen zu meinem Herzmenschen,denn dieses Gefühl, als wäre meine Gehirn überhitzt und ausgebrannt, ist einfach nur noch unangenehm. Ich bin durch die Notschaltung in den Autopiloten gewechselt – alles Notwendige des Alltag klappt noch irgendwie. Der Fokus hat sich wieder verringert und liegt tatsächlich nur bei mir und meinen beiden Herzmenschen. Ich kann kaum Gedanken an andere Menschen aufbringen, reagiere kurz angebunden. Nur das Nötigste. Aber eigentlich ist selbst das schon zu viel, wenn mit der Denkerbse nix los ist.

Ich kenne das. Leider kam es immer mal wieder in meinem Leben vor.

Wie gerne bin ich für andere da. Mit guten Worten. Mit anderen Perspektiven. Wenn irgendwo emotionale Unterstützung benötigt wird, bin ich da. Und kommt dann sogar die positive Resonanz, dass meine Impulse tatsächlich beim anderen etwas bewegt haben, ist das wie ein Dopamin-Kick der besonderen Art. Kurzum: Es kann schon ein Stückchen süchtig machen. Etwas Gutes bei anderen bewirken? Ist ein Träumchen für mich. Aber: Ich habe mich mal wieder ein klitzekleines bisschen darin verloren.

Ach ja.. ich und meine gesunden Grenzen. Ich und meine Selbstfürsorge. Wir kennen uns schon, haben immer wieder das Vergnügen miteinander. Aber manchmal laufen wir fröhlich winkend aneinander vorbei, bis ich mit Vollgas gegen die Wand fahre. Dann knallt’s. Und wie. Schleudertrauma inklusive. Wenn ich zu sehr auf’s Gaspedal getreten habe, wird’s mal schnell ein wirtschaftlicher Totalschaden – zumindest für mein Empfinden. Denn ich bekomme dann schon das nicht mehr ganz so gut hin, was für den kapitalen Ertrag meiner Familie notwendig wäre. Wenn ich meinen Herzmenschen fragen würde, wäre der trotzdem total zufrieden. Wenn ich mich dann bei meinem Herzenskind entschuldige, weil ich schräg drauf bin, entgegnet er mir ganz pragmatisch: Jeder darf schlecht drauf sein. Ist doch nicht schlimm.

Irgendwie schaffe ich es, ein äußeres Konstrukt aufrechtzuerhalten, während das innere Gebilde ständig wie ein Kartenhaus droht einzustürzen. Ich will nicht nur im Außen Stabilität halten – ich will sie auch innerlich spüren. Eine von den drölftausend Tabs im Köpfchen beschäftigt sich nun seit Tagen mit der Frage, wie ich mich zeitweise innerlich stabilisieren kann. Ich will nicht mehr ständig Karussell fahren, sondern gerne nur ganz unbeeindruckt daneben stehen oder lieber einen Spaziergang machen. Im Familienalltag mit Rund-um-die-Uhr-Zuständigkeit fühlt es sich tatsächlich oft wie der Tropfen auf dem heißen Stein an, wenn ich Selbstfürsorge betreibe. Der Effekt hält nicht lange an. Unser Alltag wird sich bald anders strukturieren und damit hoffentlich ein Stück meine  Verantwortung und Fürsorge entzerrt, die sich jetzt geballt zentriert und größtenteils auf meinen Schultern liegt. Doch ich stelle mich auf andere Herausforderungen ein, wenn mein neurodivergentes Kindchen die Schule besuchen wird. Ich brauche mehr Fokus, Konzentration und Klarheit, um mich gut auf das einlassen zu können, was nicht nur der normale Alltag mit sich bringt, sondern auch der neue.

Ich bin es Leid, gedanklich so zerstreut zu sein. Ich bin es Leid jeden Tag bereits nach dem Aufstehen überreizt und überladen zu sein, weil mein Kopf nicht nur viele To-Dos und To-Denken öffnet, sondern sie – autistisch, wie ich eben auch bin – schön sorgfältig abarbeiten will. Ich renne bereits morgens um halb sieben in den Overload und versuche den Meltdown mit Selbstfürsorge im Bad und bei der ersten Tasse Kaffee zu verhindern.

Also ja, es fühlt sich gerade mal etwas mehr wie tägliches Überleben an – mit einem Motor, der irgendwie nur auf drei Pötten läuft und trotzdem volle Leistung bringen soll. Kann auf Dauer nicht gut gehen. Ich werde mich jetzt mal zeitnah zu einem Profi begeben und schauen, wo wir noch schrauben können, damit mein Motor wieder rund läuft.