Vorleben

Vorbild sein. Vorleben. Das beschäftigt mich, seitdem ein kleiner Mensch in mir heranwuchs. So richtig bewusst beim Herzenskind – da hatte ich einige Erfahrungen mehr im Gepäck, als zuvor mit 22 Jahren zum ersten Mal schwangernd.

Was lebst Du Deinem Kind da vor?

Mein Kind muss sich mit dem Umstand arrangieren, mit zyklisch wiederkehrend erschöpften Eltern aufzuwachsen. Und auch er kennt das von sich selbst, denn diese Welt ist für sein Nervensystem die pure Reizüberflutung.

Wir leben mit Erschöpfung. Wir arrangieren uns damit. Dazu gehört auch Frust, denn so manch eine Vorstellung von Aktivität am Tag ist nicht ständig leistbar. So störanfällig sind die Systeme. Jahrelang habe ich drüber gebügelt. Weiter gemacht. Obwohl der Körper, der Geist bereits unüberhörbar laut schrie. Funktionieren – das gab Sicherheit. Wenn ich leistete, dann fühlte es sich sicher an. Keine Kritik, kein Klagen, keine Strafen.

Keine Konsequenzen. Doch, die gab’s. Spüre ich jetzt deutlicher.

Über fünf Wochen in Alleinzuständigkeit mit Herzenskind. Alltag, Erledigungen, Termine, neuer Schulversuch – ich hab’s mit dem kleinen Menschen allein hinbekommen. Hab ihn begleitet, motiviert und war dauerhaft online. Und ich habe Abstriche gemacht. Musste konsequent Prioritäten setzen. Energie bündeln.

In der letzten Woche, bevor Herzmensch aus der Reha kam, spürte ich eine tiefe Erschöpfung, wie schon lange nicht mehr. Ich musste gut abwägen, was ich mit Herzenskind bewältigen konnte. Und seitdem Herzmensch wieder da ist, nimmt sich die Erschöpfung richtig Raum in mir. Mit den passenden Hormonen im Gepäck zwingt mich mein Körper bei schönstem Wetter auf die Couch.

An jenem Morgen versuchte ich mit Herzmensch herauszufinden, wie wir die Vorhaben des Tages sinnvoll und nach Kräften aufteilen könnten. Jede kleinste Zelle in mir wollte jegliche Verantwortung und Aufgabe abgeben und sich bitte instant in ein Ferienhaus auf einer Insel teleportieren. Kein „Mama„, keine Erwartung, kein Kümmern. Nur Selbstfürsorge. Nur ich.

Und während der verantwortungsbewusste Anteil in mir zur Contenance appellierte; ja, mich dazu ermahnte, doch bitte daran zu denken, was ich meinen Kind damit vorlebe, wenn ich meinen Pflichten und Aufgaben nicht nachkomme. Da wurde die Selbstfürsorge in mir laut, die mir mitfühlend sagte, dass ich nichts leisten muss, wenn ich nicht kann. Aus einem leeren Fass kann ich nix schöpfen. Und die Zeichen sind da, dass mein System dringend Ruhe und Pause braucht. Mein System ist sperrangelweit auf – nicht mal die Kopfhörer helfen über die Lautstärke hinweg. Alles versetzt mich an diesem Tag in Anspannung. Overload 3000. So gerne ich auch würde – ich kann nicht mehr. Nicht mehr gerade nur so über Wasser halten. Nee, wirklich jetzt mal Rettungsboot.

So bat ich die beiden Herzmenschen bei diesem schönen Wetter ohne mich vor die Tür, verschob die restlichen Aufgaben auf den folgenden Tag und setzte mich für einen langen Moment mit Kopfhörern und einer Tasse Kaffee vor die Tür, um die wunderschöne Frühlingssonne ins Gemüt einzuladen. Allein daheim konnte mein System etwas zur Ruhe kommen. Ein kleiner Tropfen, der so dringend nötig war. Die kritischen Stimmen schalte ich aus. Ja, was lebe ich meinem Kind da eigentlich vor? Er sieht eine Mutter, deren Energie endlich ist. Die gerne macht, wenn sie kann. Er sieht das, was er selbst noch gut beherrscht: Grenzen sind wichtig. Erschöpfung ist real und zählt. Pausen sind notwendig. Ich lebe ihm das vor, an das er mich wieder erinnert hat – weil ich es selbst beinahe vergessen habe.

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