In der Stille des frühen Morgens liege ich da. Mein Körper ließ mich sanft aus dem Schlaf erwachen und bewegte mich dazu, das Bett zu verlassen. Ein kurzer Gang ins Bad, ein Blick zur Uhr: Ich lege mich noch einmal hin. Innerhalb weniger Minuten treffe ich bereits die ersten Entscheidungen über meine ersten Handlungen an diesem Tag, der noch in Dunkelheit gehüllt ist. Wieder zurück in das wohlig temperierte Bett, liege ich zugedeckt bis unter mein Kinn da und blicke in den Raum. Der Geist erwacht. Die Gedanken nehmen Fahrt auf. Zu meiner Linken höre ich das sanfte Rauschen der Heizung, die nun das ausgekühlte Badezimmer erwärmt. Zu meiner Rechten lausche ich dem zarten Atem meines Herzenskindes, noch weit weg im Land seiner Träume.

Das Schlafzimmer wirkt wohlig in das Nachtlicht gehüllt, das meinem Kind eine Orientierung in der Dunkelheit gibt. Früher schlief ich in kompletter Dunkelheit und Stille – nach fast sieben Jahren hat sich mein Körper etwas an die Umstände gewöhnt, die Schlafumgebung an mein Kind anzupassen.
Gewöhnt.
Da ist es wieder. Dieses Wort, das eine Reaktion meines Systems erklärt.
Meine Gedanken kreisen um den heutigen Tag: Was steht an? Wo geht’s hin? Innerlich beginne ich bereits Kräfte aus den hintersten Ecken meines Seins zu mobilisieren. Mich auszurichten. Heute möchte ich leichter durch den Tag kommen. Eine Entscheidung. Sollte es wirklich so einfach sein? Ich denke über den gestrigen Tag nach. Herzenskind und ich haben am Nachmittag im sonnendurchfluteten Wohnzimmer gemeinsam so herzhaft gelacht, wie schon lange nicht mehr. Unsere Körper bebten unter Lachen über die banalsten Witze – kindliche Leichtigkeit durchdrang mich. Spürbar rauschte Sauerstoff in jede kleinste Zelle und eine Wachheit riss mich aus der Trägheit der vergangenen Zeit. Für einen Moment hielt ich inne und spürte Gleichzeitigkeit: Während ich im gegenwärtigen Moment eine Leichtigkeit, ein waches Sein wahrnehmen konnte – gesellte sich beinahe etwas wie Scham und Reue ob der vergangenen Tage hinzu. Warum fühlte es sich so schwer an? Wie leicht es doch eigentlich sein kann, aus der Trägheit und Dunkelheit herauskommen – aber der Verstand liegt schwer wie ein Amboss auf dem Zugang zur Leichtigkeit.

Gewöhnt.
Beinahe gewohnt war ich diese Trägheit. Diese Kraftlosigkeit. Dieses tiefe Seufzen bereits nach dem Aufstehen. Ich wollte kaum ein Wort sprechen.
Sprachlos. Über vermeintliche Gewohnheiten des Alltags. Über jenes, das für alle wohl selbstverständlich geworden zu sein scheint. Sonst von so vielen Gedanken und Worten durch den Tag getragen, spürte ich in den vergangenen Wochen mehr und mehr Leere in mir. Kaum eine überbordende Gefühlsregung kam in mir zustande. Er-schöpft. Leeres Fass. Jedes Mama, jede Ansprache oder Blick, die eine Reaktion von mir erwarteten – eine so große innere Hürde für mich.
Wie das auf meine beiden Herzmenschen gewirkt haben muss, fragte ich mich gestern. Als ich einen kurzen Moment neben meinem Herzmenschen saß, der vertieft in sein Gerät schaute. Ich sehe die Verunsicherung über meine veränderte Gemütsverfassung. Das nicht-Wissen, wie damit umgegangen werden kann. Braucht es doch eine klare Ansage. Und die konnte ich nicht geben. Wusste ich selbst nicht mal genau, warum ich mich von allem distanzierte. Chaos in mir. Wie aufgewirbelter Staub, der sich nur langsam wieder setzt.
Ein System, das nicht mal auf Standby laufen kann. Immer online. Immer irgendeinen Tab offen. Seit Jahren. Jedes Update verspricht bessere Leistung, gezielteren Informationsaustausch – es bußt dennoch Schnelligkeit ein. Aber wie soll es auch anders sein, wenn nur selten heruntergefahren werden kann? Die Einbußen folgen.
Gewöhnt.
Mein System hat sich an diesen Alltag gewöhnt, sicher. Gewöhnung kann Sicherheit vermitteln. Doch irgendwann birgt es auch so etwas wie Abstumpfung. Mein Geist braucht Abwechslung, Input. Neues. Leichtes. Etwas, das auflädt und nährt. Das kam zu kurz in vergangener Zeit. Nur Funktionieren. Fürsorge. Rücksicht. Abwägen. Jonglieren. Verhandeln. Es gibt Phasen, die lassen nicht viel anderes zu – das kann ich akzeptieren. Winzige Oasen suche ich mir dann, puzzele sie dazwischen. Darf sie erkennen. So, wie gestern. Als ich ausgiebig und herzhaft mit Herzenskind lachen durfte und mich daran erinnerte, dass die Leichtigkeit da ist, ein Teil von mir – nur manchmal liegt sie unter dem Staub der Gewöhnung verborgen.
