Verpassen

Eine „Nebenwirkung“ des frühen Todes meines ersten Sohnes ist wohl, dass ich meine Zeit auf dieser Erde bewusst gestalten möchte. Auskosten. Nutzen. Nix vergeuden. Nun könnte das natürlich zu grenzenlosem Optimierungswahn verleiten und dazu führen, dass ich jeden Augenblick meines Lebens so sinnhaft, wie möglich, gestalten möchte.

In den ersten Lebensjahren meines zweiten Sohnes, meines Herzenskindes, hatte ich oft so ein Gefühl von: Es ist bald wieder vorbei. Als würde die Uhr so laut ticken und mich dazu bewegen, meinem Kind viele tolle Erfahrungen ermöglichen zu müssen. Damit er von einem ordentlichen Erfahrungsschatz zehren kann. Und ich auch. Ein Teil von mir, der konditionierte nämlich, hatte dabei stets im Kopf: Raus in die Welt. Unter Menschen. Viel unternehmen. Nun hatte mein Herzenskind schon in den ersten Jahren deutlich gezeigt: „Da draußen“ ist noch zu viel. Daran hat sich im Kern nicht viel geändert – er ist weiterhin gerne zu Hause. Doch auch er unternimmt mittlerweile gerne mal etwas oder – seit vergangenem Jahr ganz neu – verbringt Zeit mit einem anderen Kind.

Umso schwerer fällt es mir dann, wenn sich etwas zuträgt, das diese Unternehmungslust ausbremst. In diesem Fall: Erkältung. Die zweite in kurzem Zeitraum. Und so ein dicker Schnupfen ist sensorisch eine große Herausforderung. Abgesehen von dem fehlenden Schlaf, der mit verstopfter Nase so einhergeht. Da ist dieser kleine Mensch eher ein kleiner Matschhaufen und zu nicht mehr viel in der Lage. Dann muss ich entscheiden, was im Außen für ihn geht, wieviel man ihm zumuten kann. Und hier bin ganz klar: Er ist krank und darf sich ausruhen. Denn alles, was über den Alltag hinausgeht, bedeutet auch Stress und fordert Energie, die er zur Genesung braucht.

Ob er was verpasst, frage ich mich dann. Natürlich verpasst er Erfahrungen im Außen. Schulbesuch, Therapien, Treffen mit Freunden. Aber: Er sammelt dennoch Erfahrungen. Er lernt dabei etwas unwahrscheinlich wertvolles, nämlich das, was wohl viele Menschen schon verlernt haben (merke ich daran, dass es selbstverständlich ist, erkältete Kinder – und sei es nur ein Schnupfen – trotzdem aufeinandertreffen zu lassen): Er lernt, dass ein Körper Ruhe und Erholung braucht, um mit einer Erkältung oder einem Infekt zurechtzukommen – und sich so die Genesung schneller vollzieht, als wenn er seinen Körper weiterhin großer Anstrengung aussetzt. Mal ganz zu schweigen von der Fürsorge, die man automatisch auf andere erweitert, indem eine Ansteckung verhindert wird (was vor einigen Jahren noch ganz oben an der Tagesordnung stand!).

Als ich heute Nachmittag wieder einmal kurz mit mir haderte, ob Herzenskind morgen Nachmittag wieder bereit sein könnte, an seiner Therapie teilzunehmen und ich ihm diese Erfahrung gerne ermöglichen würde – ist mir mit einmal etwas so klar geworden, wie schon lange nicht mehr: Er verpasst nichts. Er hat Zeit. Zu genesen. Auf sich zu achten. Er wird weiterhin in seinem Tempo Erfahrungen sammeln, dazulernen. Und das geht noch viel besser mit einem Körper und einem Geist, der die Ressourcen dafür hat.

Er hat Zeit.

Das darf ich mir selbst immer wieder sagen.

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