Der frühe Vogel erschöpft am Nachmittag

„Mama, können wir mal wieder schwimmen fahren?“

Freitagabend begegnet mir Herzenskind mit dieser Frage, als wir zu Bett gehen. Wir haben uns schon länger vorgenommen, mal wieder schwimmen zu gehen und es bisher nicht umsetzen können. Ich freue mich, wenn Herzenskind selbst Vorschläge in diese Richtung macht und möchte seinen Antrieb und Enthusiasmus nutzen.

Also überlegte ich Freitagabend, wann und wie wir das angehen könnten. An diesem Abend war ich ziemlich erschöpft vom Tag, weil ein wichtiges Gespräch mit einer Gutachterin lief und das einiges an Vorbereitung und Nachregulation benötigte (vor allem auch in meinem Nervensystem). Eigentlich sagten meine Kräfte ganz klar: Pause! Aber ich möchte so eine Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, wenn Herzenskind in die Welt hinaus will. Sämtliche Tabs gingen also wieder auf. Ich überlegte: Welcher Tag wäre gut geeignet, wann ist nicht all zu viel los im Schwimmbad? Wann können wir das Auto nutzen? Hin und her. Vor und zurück. Ich entschied mich für den nächsten Morgen. Erklärte Herzenskind, dass wir wirklich ganz früh aufstehen müssten, wenn wir ein leeres Schwimmbad besuchen wollten. Denn bei den letzten Besuchen zeichnete sich ab, welche Tage und Uhrzeiten eine höhere Besucherdichte aufwiesen – was für uns bedeutete: Viele Menschen. Viel Lärm. Viel Bewegung. Viele Gerüche. Viele viele Reize. Da wir eine knappe halbe Stunde Fahrtzeit bis zum Schwimmbad haben und das ganze Umkleiden einiges an Energie erfordert, peile ich meistens einen Aufenthalt von zwei Stunden an, damit es sich „lohnt“.  Also ja: Es sind im Vorfeld einige Dinge zu durchdenken, bevor ich sagen kann „Wir fahren dahin“.

Das Schwimmbad öffnet samstags um 06:30 Uhr. Meine Theorie: Eine erhöhte Chance, dass es bis rund 09:30 Uhr nur mäßig besucht ist. Der Wecker klingelte um 05:30 Uhr und Herzenskind wurde direkt mit wach. In großer Vorfreude packten wir die Schwimmtasche und ein bisschen Verpflegung ein, richteten unsere Morgenroutine und starteten um 06:15 Uhr das Auto. Wir bewunderten leise den hell leuchtenden Mond und stellten fest, dass wir lange nicht mehr in der Dunkelheit unterwegs waren. Auf dem Weg noch schnell getankt (was für mich in der Planung beinhaltete, herauszufinden, welche Tankstelle samstag Morgen vor 07:00 Uhr bereits/noch geöffnet hat) und wir parkten schließlich Punkt 07:00 Uhr am Schwimmbad.

Wir beiden frühen Vögel wurden mit einem leeren und ruhigen Schwimmbad belohnt. Nur wenige andere frühe Vögel waren dort. Ich war mächtig stolz auf uns beide und wieder einmal erstaunt, wie gut Herzenskind an diesem Morgen kooperierte-  weil er für diese Sache „brennt“. Wir genossen die Ruhe und das warme Wasser. Herzenskind übte Schwimmbewegungen. Wir hatten richtig Spaß. Ab 08:00 Uhr kamen nach und nach die ersten Familien. Bis 09:00 Uhr füllte sich das Schwimmbad zunehmend mit Menschen in allerlei Farben, Formen und Düften, sodass sich die Reize nur so stapelten. Wir fanden kaum noch ein ruhiges Fleckchen und entschieden um 09:15 Uhr, den Weg Richtung Dusche anzutreten. Erstaunlicherweise spürten wir beide einen leichten Kopfschmerz und ich konnte sehen, dass die ausgelassene Stimmung bei uns beiden rapide in den Keller wanderte. Doch wir fanden rechtzeitig den Absprung und fuhren zufrieden nach Hause.

Ich hatte nach unserem letzten Schwimmbadbesuch den Service-Menschen eine E-Mail geschrieben und gefragt, ob sie das Konzept der „Stillen Stunde“ kennen. Erklärte, aus welchen Gründen ein Schwimmbadbesuch für viele Menschen aus dem Spektrum der Neurodiversität herausfordernd oder gar unmöglich sein kann. Netterweise erhielt ich eine umfangreiche Mail zurück, aus der hervorging, dass sie das Konzept in diesem Erlebnisbad nur schwer umsetzen können, es aber in anderen umliegenden Schwimmbädern schon erwogen wird. Mal schauen. Wie man am gestrigen Morgen gesehen hat: Ich suche mir selbst die „Stille Stunde“ und muss dafür eben mal besonders früh mit Kindchen aufstehen. Aber ich möchte Herzenskind diese Erfahrung ermöglichen und ihm in seinem Tempo das Schwimmen beibringen.

Da gestern auch noch ein Einkauf auf dem Wochenmarkt geplant war, blieb ich direkt in Bewegung und setzte Herzenskind im Grunde daheim ab, schnappte mir die Einkaufskörbe und mobilisierte noch einmal alle Energie-Löffel, um bestimmte Lebensmittel für die kommenden zwei Wochen zu besorgen – denn nicht in jeder Woche kann ich den Wochenmarkt besuchen. In der Stadt angekommen, hörte ich bereits von Weitem laute Musik und sah schließlich eine Tanzgruppe neben dem Marktplatz, die zu „Let’s get loud“ von Jennifer Lopez eine einstudierte Choreographie zum Besten gab. Unmittelbar dachte ich, ob nicht jemand ein Pendant dazu produzieren möchte: „Let’s be quiet“. Ich ging weiter zum menschengefüllten Wochenmarkt und steuerte zielgerichtet die fünf Markstände an, die mich mit den regionalen Lebensmitteln versorgen würden. Mit üppigen Vorrat in Taschen und Körben machte ich mich auf den Rückweg und kochte ein schnelles Mittagessen.

Danach fiel der Vorhang. Eine bleiernde Müdigkeit breitete sich in mir aus und ich hatte große Mühe, mich wachzuhalten, um Herzenskind Gesellschaft zu leisten. Der frühe Vogel versackte am Nachmittag auf dem Sofa – allerdings mit allerlei Unterbrechungen und Bitten von Herzenskind, der mir vieles zu erzählen hatte und meine Gesellschaft haben wollte. Er braucht gerade wieder mehr Regulation als ohnehin schon. An solchen Tagen, wie vergangene Woche, gerate ich irgendwann auch in die komplette Überreizung.

Und an diesem ruhigen Sonntagmorgen spüre ich die Quittung der letzten Tage. Erschöpfung hoch zehn. Geduld unterirdisch. Watte und Unordnung im Kopf. Wir machen’s Beste draus.

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