Warum wollen Sie gerne Ihre Ausbildung in der Psychiatrie beginnen?
Ich möchte Menschen gerne helfen. Und ich denke, ich werde hier viel über das Leben lernen.
Als ich mit neunzehn Jahren mein Abitur in der Tasche hatte, begann ich kurze Zeit später meine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Psychiatrie. Ich hätte auch ins Allgemeinkrankenhaus gehen können, vor allem mit Blick auf dem Wunsch, danach noch Medizin zu studieren – doch die Psychiatrie in der Region meiner Heimat reizte mich mehr. Meine Spezialinteressen spielten da sicher auch mit hinein: Viele Jahre informierte ich mich über geisteskranke Straftäter, Serienmörder und verschlang alles rund um die Themen Rechtsmedizin und forensische Biologie. Dass von all den Bewerbungen schließlich DIE Zusage aus der psychiatrischen Klinik kam, war wegweisend für mich.
Und ich habe in den Jahren dort nicht nur sämtliche psychiatrische Störungsbilder kennenlernen dürfen, sondern auch mich selbst und das Leben. Wie unterschiedlich die Leben von Menschen verlaufen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben können, hat mich nachhaltig beschäftigt.
Im letzten Ausbildungsjahr, kurz vor meinem Examen, war ich auf einer Station eingesetzt, die mich nach dem Examen gerne als examinierte Kollegin begrüßen wollte. Ich passte gut ins Team und fühlte mich dort wohl. Wenn ich bei der Arbeit war, wollte ich vor allem gute Arbeit leisten. Ich war eine der sehr engagierten Schülerinnen und die Examinierten konnten sich schnell auf mich verlassen, sobald ich die Abläufe auf der Station verinnerlicht hatte. Solch ein Engagement, gepaart mit einem Hang zum Helfersyndrom kann im Kontext von Krankenpflege auch leider eine ungünstige Richtung einschlagen – zulasten des Pflegepersonals. Dies durfte ich hin und wieder während der Ausbildung spüren, wenn meine eifrigen Ideen in Gesprächen mit Kollegen liebevoll im Keim erstickt wurden.
Meine Praxisanleiterin im letzten Ausbildungsjahr gab mir schließlich etwas mit auf den Weg, als eine Patientin scheinbar einen Narren an mir gefressen hatte und mir sogar nach Entlassung noch Briefe zukommen ließ: „Bianka, wir können nicht alle retten. Es ist wichtig, dass Du gut auf Dich achtest, wenn Du hier lange arbeiten willst.“
Das saß. Und wirkte nach. Bis heute.
Gestern dachte ich wieder daran, wie wir da im Dienstzimmer saßen und sie mir diese Worte auf eine sanfte, bestimmte Weise entgegenbrachte. Denn auch vierzehn Jahre später tappe ich doch nochmal in die Falle meines Helfersyndroms.
Insgesamt bin ich da schon unheimlich gut drin geworden, meine helfenden Energien sinnvoll einzusetzen. So gerne ich oft vielen Menschen in Not helfen möchte – meine Ressourcen sind begrenzt. Und: Ich kann sie nicht alle retten. Ganz ehrlich? Ich möchte auch gar nicht mit einem unsichtbaren Superhelden-Umhang durch die Straßen laufen und Ausschau halten, wem ich jetzt gerade mal aus der Not heraushelfen kann. Manchmal reiche ich einen kleinen Finger, manchmal auch eine ganze Hand. Doch meine persönlichen Ressourcen lassen es nicht zu, dass ich stets und ständig außerhalb meiner eigenen vier Wände und meiner Familie noch jemandem viel Zuwendung bieten kann. Es gibt Ausnahmen – und dazu gehören die Familienangehörigen und lieben Freunde, bei denen es ein wirkliches Geben und Nehmen ist. Wo man sich wirklich aufeinander verlassen kann, in allen Lebenslagen. Was bin ich dankbar für diese nährenden Verbindungen.

Ja. Und nun bin ich doch tatsächlich mal wieder – im Eifer des unterschwelligen Helfersyndroms – mit jemandem in Kontakt gekommen, wo sich zeigte: Die Frau braucht Unterstützung. Sobald wir uns in der Stadt über den Weg liefen, kamen wir ins Gespräch und ich sah, dass sie seelisch und körperlich angeschlagen ist. Etwas in mir wollte ihr etwas Gutes tun und so schenkte ich ihr bei den wöchentlichen Gängen zum Markt etwas Aufmerksamkeit. Schließlich kam sie mit einem gezielten Anliegen auf mich zu – technischer Natur. Fragte, ob ich mal eine Stunde Zeit hätte, ihr dabei zu helfen. Und was sagt die kleine Stimme in mir: Naja, eine Stunde wirst Du sicher irgendwo einbauen können. Wir sprachen über einen Sonntag – doch schon am Samstag davor spürte ich, dass ich am nächsten Tag keine Kraft hätte, das Haus zu verlassen. So ganz verstehen konnte sie das nicht: Ich erhielt unzählige Nachrichten von ihr, von denen ich nur die Hälfte richtig verstand, weil sie nicht zusammenhängend waren. Gut, sie ist psychisch angeschlagen – konzentriere Dich auf das Wesentliche. Das Wesentliche war: An einem Tag für eine Stunde beim Einrichten ihrer Geräte helfen. Schließlich fanden wir einen Tag und ich fuhr am frühen Abend zu ihr. Ich hoffte, wenn sie die Geräte endlich nutzen könnte, würde sie erstmal keine Hilfe dahingehend benötigen. Ich spürte allerdings schon in den ersten Minuten, dass ich mich mit der Situation nicht wohl fühlte – denn es zog mir unwahrscheinlich viel Energie ab. Es dauerte alles länger, als gedacht und war ein Anliegen erledigt, folgte das nächste. Irgendwann ließ meine Konzentration immer mehr nach und bei einem Problem konnte ich ihr nicht mehr helfen. Ich sagte, dass ich ihr an diesem Abend nicht mehr helfen könne und umgehend nach Hause fahren wolle.
Und dann kam das, was man aus einem anderen Kontext kennt: Aber wenn sie Dich dann so ansehen.. Ja, nur war das eben kein dankbares Lächeln, sondern pure Enttäuschung darüber, dass ich ihr Kernproblem nicht lösen konnte. Dann wurde deutlich, dass sie meine Grenze, die ich kommunizierte, scheinbar nicht wahrnehmen oder gar akzeptieren konnte.
Ich fühlte mich schlagartig unwohl. Denn ich wusste nicht, wie sie weiter reagieren würde. Aber ich blieb bei meinem geplanten Abschied. Sie wollte doch noch irgendwo meine Aufmerksamkeit bekommen, sagte, sie würde mir später dann nochmal schreiben, wenn sie nicht weiter käme – und auch da zog ich eine Grenze, sehr bestimmt. Immerhin wusste sie, dass ich eine Familie habe, wir alle im Autismus-Spektrum liegen, denn ich erzählte ihr davon. Doch da wurde mir klar, dass ihre eigene Verfassung keinen Raum eröffnete, den Blickwinkel einmal von sich selbst zu lenken und für einen Moment Verständnis aufzubringen. Ich sah ihre Not. Aber ich sah auch meine. Und ich wollte in diesem Moment nur Verantwortung für mich übernehmen, nicht auch noch für sie.
Ich fuhr heim, hörte laut Musik im Auto und seufzte unaufhörlich vor mich hin. Ich fühlte mich unwohl. Als hätte ich etwas an mir, was nicht zu mir gehörte. Daheim brach ich schließlich bei einer kleinen Situation in Tränen aus. Meltdown. Ich weinte und weinte. Es war zu viel. Ich war wütend auf mich, weil ich mich darauf eingelassen hatte. Ich war wütend auf die Frau, die nicht nur meinen kleinen Finger nahm, sondern gleich meinen ganzen Arm. Das, was da zwischen uns lief, kann ich kaum in Worte fassen. Es fühlte sich für mich nicht gut an und ich habe schon lange nicht mehr solch eine Situation erlebt, aus der ich so dringend weg wollte.
Für einen kurzen Moment bereute ich alles – doch dann kam ziemlich schnell die Klarheit: Es ist gut, dass ich diese Situation erlebt habe, denn sie zeigte mir deutlich, dass ich meinen Wunsch zu Helfen noch besser zügeln darf. Dass mein Helfersyndrom Grenzen hat. Dass ich in meiner derzeitigen Lage nicht mehr schaffe, als die Fürsorge für den kleinen Kreis, der bereits da ist.
Ich kann sie nicht alle retten. Will ich auch nicht. Denn ganz ehrlich? Eigentlich darf ich mich selbst oft noch retten.
