Selbstanspruch

Dein verdammter Selbstanspruch treibt Dich ständig in die Erschöpfung.

Wieder ein neuer Tag.

Wieder der ganz normale Alltag – plus Termin. Plus ein Dienst vom Herzmensch, der damit kollidiert. Plus das Wissen, dass am Tag darauf spontan noch ein Dienst gewechselt wurde – und nun die grundsätzliche Planung und Struktur wieder einmal komplett durcheinander kommt.

Mein Kopf? Viel zu langsam. Viel zu müde, um das alles neu zu sortieren. Aber ich weiß: Ich muss.

Ich muss mir überlegen, wie das alles anders aufgeteilt werden kann.

Wie wird das Wetter? Braucht Herzmensch das Auto? Wenn ja, wie komme ich mit Herzenskind nach dem Termin wieder nach Hause? Mittagessen – unterwegs oder doch Zuhause? Mist, ich kann doch nicht schon wieder unterwegs mit ihm Mittagessen – viel zu teuer und meistens auch ungesund. Ach ja, gesunde Ernährung wäre auch mal wieder gut. Aber wie? Hier wird nicht alles gegessen. Essen. Was koche ich nur in den kommenden Tagen? Einkaufszettel schreiben. Die üblichen Märkte kann ich nicht anfahren, aber das ist okay. Gut, dann sollte der Einkauf am besten noch vormittags klappen, bevor wir zum Termin und Herzmensch zur Arbeit muss. Herzmensch wecken. Mein Kopf tut weh. Mir ist schwindelig und schlecht, ich kann nicht mal richtig frühstücken. Aber wird schon.

Als mein Herzmensch schließlich soweit ist, dass ich zum Einkaufen fahren könnte, stehe ich einfach nur regungslos vor den Einkaufskörben und kann nicht mehr aufhören zu weinen. Die pure Erschöpfung und Überforderung holt mich ein. Am liebsten möchte ich alles abgeben, alles absagen. Nur ins Bett. Mich verkriechen. Gar nichts mehr tun. Nicht mehr denken. Nicht mehr für alle sorgen. Mein Kopf fühlt sich heiß an und ich kann kaum klar denken. Die vielen Gedanken laufen quer durch alle Hirnwindungen. Ich bekomme es nicht sortiert. ADHS auf Anschlag.

Für Herzmensch ist das alles nicht einfach und er kann nicht so viel Verständnis aufbringen, wie sonst. Ich kann’s ihm nicht übel nehmen. Diese Prozesse in mir laufen beinahe automatisch ab und katapultieren mich ständig ins Aus. Und ich merke dieses Mal ganz deutlich: Ich habe keine Kontrolle. Da passt die Chemie in meinem Kopf nicht mehr. Es kommt mir so bekannt vor – vor zwei Jahren fühlte es sich ähnlich an. Doch heute weiß ich: Es ist nicht einfach nur Schlafmangel – das ist der Verstärker. Es ist nicht nur eine depressive Episode mit Ängsten – das sind die Sahnehäubchen auf dem Burnout.

Diese Kombination aus ADHS und Autismus-Spektrum ist oft unwahrscheinlich schwierig zu händeln und in Balance zu bringen. Zum einen bin ich froh über den halbwegs geregelten Alltag, den ich aufrecht erhalte – und manchmal ödet er mich so an, dass ich bewusst nach Reizen und Abwechslung suche. Verpasse ich dabei rechtzeitig den Absprung und gehe zu spät in den Rückzug und Regeneration, springe ich mit Anlauf ins Erschöpfungs-Fettnäpfchen.

Und ja, Selbstanspruch und all die ganzen Überzeugungen aus meiner Vergangenheit spielen auch mit hinein. Ich bin da dran. Dass ich mir die ganzen Ansprüche an Elternschaft und ein gesundes Leben mit Kind nicht zu sehr auf die Fahne tackere – denn ich kann das einfach nicht leisten. Und ganz ehrlich: Sich selbst aufräumen, während man rund um die Uhr, ohne großartige Pausen verfügbar ist – das ist kein Spaziergang. Das dauert dann alles etwas länger. Hab ich schon erwähnt, dass ich dahingehend mit mir selbst ungeduldig bin? Cool, weil ich stelle mir ja selbst eh nicht schon oft genug selbst ein Bein.

Mooooooment! Jetzt ist aber gut mit diesen selbstkritischen, leicht sarkastisch angehauchten Kommentaren zu meiner Person.

Ich mach mich oft schlechter, als ich wirklich bin. Ich verlange so viel mehr von mir, als ich wirklich leisten muss kann.

Hey, ich versuche es. Wirklich. Meine Familie gesund erhalten – ohne Zwang, ohne Kaltwasser-Methode. Dieses Auf und Ab bei jedem einzelnen in meiner Familie ist oft gar nicht so kompatibel miteinander: Wenn der eine große Lust auf Bewegung und Abenteuer hat, will ein anderer eigentlich nur Ruhe und auf dem Sofa abhängen. Und das wechselt sich dann nicht nur täglich, sondern manchmal sogar augenblicklich ab. Da schwirren ständig diese ganzen Ansichten über ‚gesundes‘ Leben durch meinen Kopf und ich bekomme das oft nicht gut sortiert. Nicht alles davon passt zu jedem, nicht alles davon wird von jedem akzeptiert. Und so jongliere ich täglich mit den Empfehlungen und dem Willen eines jeden Einzelnen in meiner Familie im Kopf. Kurzum: Ich laufe jeden Marathon – und das nur in meinen Hirnwindungen.

Wir haben die Zwickmühle gelöst. Wir haben zueinander gefunden im Gespräch. Hier laufen unbewusst so viele Prozesse bei uns nebeneinander, die manchmal ungünstig aufeinander wirken. Und ich durfte nochmal schmerzhaft anerkennen, dass ich mich überwiegend selbst in diese Situation befördert habe.  Dass ich immer noch größtenteils versuche, alle zu entlasten, während ich mir fröhlich alles aufbuckele. Statt die Zeit und die Geduld aufzubringen, die Aufgaben zu delegieren, zu erklären und den anderen somit den Raum für Wachstum lasse, ist da immer noch dieser antrainierte Reflex in mir: Ach, schon gut. Das geht schon. Ich schaffe das schon.

Nein. Einfach nein.

Ich schaffe das nicht mehr. Und ich denke, ich hätte es nie schaffen müssen.

Selbstanspruch – kann ich.

Selbstfürsorge – eher nicht.

Aber ich gelobe Besserung. Denn jetzt weiß ich immerhin, an welchen Stellen in ansetzen darf.

Auf in die nächste Runde. Ich räume weiter auf.