Erst die Arbeit

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

In den wohl allermeisten Köpfen ist verankert: Vergnügen? Muss ich mir verdienen. Ein bisschen so: Erst muss ich mich anstrengen, damit es mir gut gehen darf. Und klar: Belohnungen haben alle gern. Die setzen Botenstoffe im Körper frei, von denen man süchtig werden kann. Handlungen sind wohl immer mit Lust und Unlust verknüpft. Vieles im Leben macht auf dem ersten Blick keinen Spaß. Eintönige Abläufe und stupide Aufgaben sind nicht reizvoll. Gerne drückt man sich davor, schiebt auf. Hier greift für mich auch wieder: Das Leben ist kein Ponyhof oder Da müssen alle durch – wenn man seine Unlust irgendwie rational wegargumentieren möchte.

Immer wieder lese ich, dass man sich die langweiligsten Aufgaben doch irgendwie erträglich gestalten kann: Beim Zähneputzen Musik hören, beim Wäscheaufhängen tanzen und so weiter. Auch auf Arbeit oder in der Schule gibt es Möglichkeiten, manchmal winzig klein und unscheinbar, um sich die Tristesse zu erleichtern. Schwer fühlt sich für jeden anders an.  Nervensysteme sind unterschiedlich. Prägungen beeinflussen uns alle. Vergleiche sind hier auch wieder weniger sinnvoll.

Und dank wem habe ich das mehr verstehen dürfen? Na klar – dank meines Herzenskindes. Zunächst einmal wurde mir deutlich, dass Belohnungen in weiter Ferne und nach erbrachter Leistung keinen großartigen Ansporn bringen. Bedürfnisaufschub funktioniert – nach erwachsener Auffassung – eher kurz. Ich sehe: Der kleine Mensch ist volle Kanne im Jetzt und sieht einfach keinen Sinn dahinter, auf das Angenehme noch länger zu warten. Ich habe mich viel belesen, Informationen herangeholt, warum dieser herkömmliche Weg, den offenbar alle mit ihren Kindern beschreiten, bei uns nicht läuft. Natürlich gehe ich mit meinen Anteilen in die Prüfung; schaue, wie ich mich verhalte und wie es sich auf solche Situationen auswirkt, in denen mein Kind in absolute Not gerät, weil etwas nicht zeitnah realisierbar ist. Nun könnte man wieder sagen: Da mussten alle durch. So ist das eben. Und ja – mir ist durchaus bewusst, das sowohl Bedürfnisse als auch Wünsche nicht immer sofort erfüllt werden können. Dass da Wut, Frust und Traurigkeit aufkommt. Hier setze ich an meinen Gedanken von oben an: Jeder bringt da etwas ganz eigenes mit, um mit solchen Situationen umzugehen.

Dieser Bedürfnisaufschub ist von Beginn an ein zentrales Thema in unserem Familienalltag. Der kleine Mensch war wegen allerlei Umständen schnell in innerer Aufruhr, brauchte schnelle Regulation, um sich nicht völlig in den überbordenden Gefühlen zu verausgaben. Ich habe sehr wohl in Bedürfnissen und Wünschen unterschieden, es ihm altersgerecht versucht zu erklären und die Gefühle gehalten. Und da ich darum weiß, wie groß sich das für ihn anfühlt und wie schwierig es (noch) für ihn ist, seine Bedürfnisse lange aufzuschieben, bin ich die Sache oft anders angegangen: Sobald ich etwas von ihm möchte, bei dem ich weiß, es kostet ihn viel Kooperation, Konzentration und Ausdauer, ermögliche ich ihm das Angenehme davor. Ich erarbeite mir im Grunde seine Gunst, gebe ihm einen Vertrauens- und Sicherheitsvorschuss – denn ich weiß, er kann besser kooperieren, wenn sein Anliegen zuvor Aufmerksamkeit erhalten hat und sein System mit Dopamin aufgefüllt wurde.

Ich weiß. Hier schreit es in allen innerlich auf: Na, das muss er aber lernen! Kann ja nicht immer nach seinem Willen gehen!

Dazu sage ich: Er wird das lernen (und im Grunde begegnet es ihm jeden Tag). Wenn sein Nervensystem bereit und in der Lage ist, kann er warten. Kann er seine Bedürfnisse aufschieben. Kann er sich darauf einlassen, einen Wunsch später erfüllt zu bekommen. Erkläre einem Kind, das in einer Welt lebt, in der Menschen beinahe alles sofort, instant und on demand konsumieren können – ja, erkläre den Sinn hinter langem Warten. Ich schätze, hier bedarf es auch einer Korrektur der inneren Haltung und das Loslassen von „Macht man eben so, weil wurde schon immer so gemacht“. Wir sind täglich unzähligen Versuchungen und Verlockungen ausgesetzt. Überall wird unser Belohnungssystem dazu angeregt, sich unentwegt an Dopamin zu berauschen. Und warum ist es so verwerflich, das Eis wirklich schon vor der Mahlzeit zu essen? Warum darf das Nervensystem nicht erst ein Stückchen Glück erfahren, bevor es sich mit etwas befassen muss, das herausfordert? Immerhin laden wir unsere Geräte doch auch erst auf, in dem Wissen, dass wir es danach für längere Zeit nutzen müssen und kein Ladegerät in der Nähe ist. Wir tanken unser Auto, in dem Wissen, dass wir eine weite Strecke fahren müssen – aber unwissend darüber, wann die nächste Tankstelle kommt. Wir füllen Energiespeicher auf, bevor wir uns körperlich betätigen.

Es ist eine Sache der Perspektive. Des Bewusstseins. Das Angenehme, das Vergnügen, kann sowohl als Belohnung, aber auch als Verstärker gesehen werden: Wo eine Tasse Kaffee als Verstärker vor und als Belohnung nach der Tätigkeit gesehen werden kann – so könnte beispielsweise das Spiel für ein Kind in der Schule ebenso funktionieren. Nicht bei jedem Menschen – ob klein oder groß – funktionieren beide Konzepte immer auf die gleiche Weise. Hier bedarf es Offenheit, Flexibilität. Sich auf den anderen einlassen. Aufeinander zugehen. Und bereit sein, es demjenigen, für den es gerade etwas schwieriger ist, mal ein Stückchen leichter zu machen. Sich befreien von: Da muss man eben durch. Mehr hin zu: Wir machen es uns so angenehm, wie möglich – damit es gelingen kann. Denn da passieren oft kleine Wunder.

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