
Einmal im Monat, verlässlich knapp alle vier Wochen, führe ich diesen inneren Dialog mit den hormongesteuerten Stimmen in meinem Kopf. Es fasziniert mich weiterhin, dass solch kleine Atome und Moleküle dafür sorgen, meine Wahrnehmung und Gedanken in dunkelste Tiefen hinabzureißen. Als wüssten sie ganz genau, bei wem sie anklopfen müssen: Bei den Selbstzweifeln- die bereitwillig öffnen und sich für eine knappe Woche aus der Versenkung erheben, in der sie sich die Wochen zuvor befanden. Beim Selbstbewusstsein öffnet zu dieser Zeit meistens niemand – ist für ein paar Tage im Urlaub. Meistens gesellen sich Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit dazu, damit sich alle nicht ganz so allein fühlen in meinem zyklischen Winter.
Jeden Monat der innere Dialog mit mir selbst. Mit diesen lauten, destruktiven und negativen Stimmen. In dieser Zeit kann ich kaum selbst sehen, was mir gut gelingt. Die sonst so morgendliche Selbstverständlichkeit, um aus dem Bett zu kommen, bleibt gerne noch etwas länger liegen und bringt damit meine Struktur durcheinander. Jeder kleinste, alltägliche Handgriff, der sonst so routiniert abläuft, erfordert plötzlich Unmengen an Energie, die ich verzweifelt aus den letzten Ecken meines hormongebeutelten Körpers sammele. Denke ich an die Löffeltheorie, kann ich sagen, dass mir in der zweiten Zyklushälfte immer weniger Löffel für den Tag zur Verfügung stehen und ich mit meiner Energie anders haushalten muss, als in der ersten Zyklushälfte.
Und das kratzt wiederkehrend an mir. Natürlich übe ich mich in Akzeptanz und möchte einen guten Weg mit meinen körperlichen und mentalen Ressourcen finden. Doch oft fühlt es sich noch an, als würde der Fahrlehrer während der Fahrstunde für mich auf die Bremse treten – zwar dringend notwendig, damit nix Schlimmes passiert, aber ohne mich vorzuwarnen.
Am allermeisten schmerzt es, weil ich in dieser Phase meines Zyklus nicht die Mama sein kann, die ich gerne sein möchte. Ich rede mir das zwar auch immer wieder alles schön – weil mein Kind dadurch miterlebt, dass die Energie bei anderen Menschen endlich sein kann und Pausen wichtig sind. Da wir grundsätzlich ein anderes Tempo mit ihm leben, ist das mittlerweile daheim für mich auch weniger tragisch.
Die Knackpunkte kommen erst, sobald wir das Haus verlassen. Und genau da hat es heute in mir wieder so gepiekst. Da wurden die Stimmen der Scham in mir laut, als ich andere Kinder mit ihren Eltern sah oder an die Kinder dachte, die um uns herum leben.
Die Kleinkinder, die schnell und sicher hinter ihrem Vater auf ihren Fahrrädern herdüsten – ließen mich mit dem Gefühl zurück, es einfach nicht oft genug mit meinem Kind geübt und zu schnell aufgegeben zu haben.
Die Kinder, die scheinbar gerne in Kindergarten und Schule gehen und bei denen ich mich manchmal frage, ob sie davor auch so schwere Gedanken am Morgen haben, wie mein Kind. Ich fragte mich, ob ich einfach nur ein dickeres Fell brauche und das alles nicht so ernst nehme sollte, was mir mein Kind mit einer Ernsthaftigkeit morgens sagt.
Ich dachte an die Kinder in der Schulklasse meines Kindes, die mit dem Schulmaterial vorankommen, auch wenn sie keine Lust dazu haben – und fragte mich, was ich nur verkehrt mache, wenn mein Kind dabei so große Widerstände entwickelt.
Diese ganzen Sätze und Formulierungen („Du musst konsequenter sein“, usw.) drehen in der Zeit meines zyklischen Winters unaufhörlich ihre Kreise in meinen Gedanken. All das, was ich sonst so gut von mir fernhalten kann, breitet sich mit einmal doch wieder in mir aus. Diese Zweifel. Dieses Gefühl, zu inkonsequent, zu nachgiebig, zu unstrukturiert zu sein – es ist laut. Ich suche pausenlos die Schuld für jegliches Scheitern bei mir.
Aber. Ich glaube das nicht mehr. Nicht mehr ganz. Es bringt mich noch ins Wanken. Lässt mich wieder bewusster hinschauen – ob nicht vielleicht doch irgendwo was verbesserungswürdig wäre. Doch ich lasse mich nicht mehr komplett davon einnehmen und herunterziehen. Nur kostet das Energie, sich innerlich gegen diese Prozesse aufzulehnen. Widerstand zu leisten gegen Kräfte, die mich in die Dunkelheit reißen wollen. All das in einer Zeit, in der körperliche und mentale Kräfte eh begrenzt sind.
Als sich heute mittag für mich spürbar die Kräfte verabschiedeten und ich mich fühlte, als hätte irgendwo jemand einen Stecker gezogen – hatte ich keine Ahnung, wie ich den Rest des Tages und auch die nächsten Tage schaffen soll. Herzmensch kann hier und da übernehmen, das entlastet etwas. Ein Teil in mir möchte sich gerne komplett zurückziehen, alles absagen, Ruhe. Doch bin ich für den morgigen Abend für etwas angemeldet, dass mir wichtig ist und einen Ausgleich zu meinem Alltag bietet. Nun versuche ich meinen Hormonen zu trotzen – wie so oft – und ziehe das durch. Das wird mich was kosten – das weiß ich. Aber gleichzeitig wird’s mich auch an anderer Stelle nähren und meine dunklen Gedanken überlisten.
