Zeugnis von Leistung

Der Tag begann heute für Herzenskind und mich sehr früh. Wir hatten noch angenehm viel Zeit, um einen ruhigen Morgen zu verbringen, uns zu sammeln und zu stärken – ehe wir den Weg zum letzten Schultag in diesem Schuljahr antraten.

Heute erhielten die Kinder ihre Zeugnisse – und mir war bewusst, dass auf dem bedruckten Papier wenig geschrieben stehen würde, da bereits klar war: Leistung und Sozialverhalten kann nicht groß beurteilt werden, weil Teilzeitbeschulung und Vertrauensfindung noch oberste Priorität. Und mir ist das auch ziemlich egal, da ich inzwischen die Aussagekraft und die Formulierungen von Zeugnissen sehr hinterfrage.

Damals tat ich das nicht. Als ich jünger war, legte ich großen Wert auf meine Noten und die Beurteilungen – scheinbar entschieden sie über meinen weiteren Lebensweg. Dass ich oft sogar meinen Wert davon abhängig machte, spiegelte die negative Auswirkung des Noten- und Bewertungssystems wieder.

Und so kam mir heute morgen in den Sinn: Es könnte auch den kleinen Menschen in der Schulklasse meines Herzenskindes so ergehen. Und den vielen anderen Kinder der Schule. Kurzerhand kam mir eine Idee für ein kleines Geschenk, das wir den Kindern mit in die Ferien geben könnten. Ich entwarf schnell kleine Zettel, mit wohlwollender Aussage, laminierte sie und packte sie für Herzenskind ein. Auch an der Tablethülle von Herzenskind klebt nun dieser Zettel.

Einige Minuten vor der mit der Schulbegleitung verabredeten Zeit kamen wir beide an der Schule an. Ich sah von Außen bereits durch eine offene Nebentür, wie die Schulgemeinschaft zur Abschiedsfeier in der Sporthalle versammelt war. Also: Klassenräume leer. Niemand kann uns draußen sehen. Ich packte den Eimer mit Straßenkreide aus und verschönerte mit Herzenskind den Weg zum Eingang. Herzenskind malte und schrieb. Überall schrieb ich für die Kinder Worte der Wertschätzung hin, die sie an diesem Tag bestärken sollten – denn die Noten und Wertungen auf dem Papier würden mit dem einen oder anderen Kind etwas mehr machen. Ich wollte etwas da lassen, das im besten Fall eine positive Gefühlsregung in ein paar kleinen und großen Menschen bewirken könnte.

Nach einer Stunde traten wir beide wieder den Heimweg an. In der Schule lief es, wie es lief – und es kostete uns beide wahnsinnig viel Kraft. Erschöpft fielen wir daheim auf’s Sofa. Ferien. Durchatmen.

Zeugnis? Wird nüchtern zur Kenntnis genommen und abgeheftet.

Derweil versuche ich mich innerlich wieder aufzurichten und auszurichten – denn der heutige Tag führt mit seiner Ambivalenz und inneren Zerrissenheit in mir zum Meltdown: Alles auf einmal und zu viel will betrachtet, verstanden und nicht vergessen werden. Tief erschöpft, mit wackeligen Knien und beginnender Migräne werfe ich noch schnell ein rudimentäres Mittagessen für uns drei zusammen – denn der Hunger war bei allen groß.

Jetzt? Pause.

Alles, was ich mir für heute vorgenommen hat, bleibt erstmal liegen. So, wie ich.


Anbei ein Gedicht, dass ich vor einigen Tagen verfasste. Thematisch zum heutigen Tag passend, wie ich finde:

Früher dacht ich, ich wär schlau. Heute weiß ich’s nicht mehr so genau.

In Schulen bekam ich oft gute Noten. Hab den Lehrern ordentliche Leistungen geboten.

Immerzu diese Sorgen, die plagen. Aus Angst davor, so richtig zu versagen.

Ich lernte und ackerte, bis ich manches Mal nicht mehr konnte. Nur damit ich mich später im Schein der guten Noten sonnte.

Doch vieles von dem, das ich bei Tests und Klausuren herunter betete – war kaum etwas, das mir im späteren Leben fortwährend begegnete.

Hier und da klingelt es zwar mal wieder – und die Erinnerungen regnen tröpfchenweise auf mich nieder.

Aber am Ende ging es immer nur, in jedem Fach um eine gute Zensur.

Zensiert – so kommt mir mein Wissen manchmal vor. Denn mit den Jahren tritt kaum etwas vom Schulwissen empor.

Bis zum Abitur habe ich mich den Erwartungen angepasst und für meinem späteren Weg einen Entschluss gefasst:

Ich wollte unbedingt Medizin studieren. Mit voller Inbrunst und nicht nur mal eben probieren.

Meine Pläne für die Zukunft waren klar, ließen sich nicht verwischen. Doch wie so oft, kam das Leben auch bei mir dazwischen.

Da wollte ein kleiner Mensch auf diese Welt und hatte mein junges Leben auf den Kopf gestellt.

Zuversichtlich dachte ich noch: „Ein Studium mit Kind, das schaff‘ ich doch!“

Meine Prioritäten wurden ernsthaft auf die Probe gestellt: Erst kam der Krebs und nahm schließlich mein Kind von dieser Welt.

So lange hatte ich Kraft für Leistungen aufgewandt. Doch all das war unwichtig, nachdem mein Kind aus meinen Armen verschwand.

Mein Antrieb und Perspektiven begannen zu schwinden. Ich durfte mich nach diesem Verlust wieder ganz neu finden.

Mir wurde klar: Es kommt nicht darauf an, was ich alles Großes leisten kann.

Studium und Karriere wurden nicht mehr mein Lebensantrieb. Viel mehr wurde mir das Leben selbst und die Menschen darin lieb.

Ich schätzte die Menschen in meinem Leben – die mir mehr, als jedes Geld auf meinem Konto, geben.

Es ist nicht selbstverständlich, was wir alles um uns haben. Wir sind reich beschenkt vom Leben und seinen wundervollen Gaben.

Mir ist klar: Bildung gehört zum Leben dazu. Doch vieles, das wir lernen müssen, vergessen wir oft im Nu.

Weil jemand sagt, dass wir das lernen sollen. Obwohl wir eigentlich manchmal noch nicht wollen.

Ich habe für mich erst spät erkannt: Meine Schullaufbahn hat mich ausgebrannt.

Mein Kopf lief jahrelang wahnsinnig heiß – wollte ich einen guten Abschluss, um jeden Preis.

Heute sitze ich da, bin pflegende Mutter und Hausfrau. Nehme meine Aufgaben ziemlich genau.

Ich sorge für andere, die mir wichtig sind. Begleite wieder ein wundervolles Kind.

Meine Erfahrungen möchte ich nicht gänzlich missen. Sie brachten mir mein ganz persönliches Lebenswissen.

Und so lernte ich wohl das meiste für’s Leben – nicht in der Schule, sondern mehr daneben.

Intelligenz im Kopf gehört zu uns Menschen. Doch würde ich vielen oft mehr die Weisheit ihres Herzens wünschen.

Darin liegt ein Sinn des Lebens verborgen. Sollten wir uns also vielleicht mehr darum, als um gute Noten sorgen?

Früher dacht ich, ich wäre schlau. Heute weiß ich’s nicht mehr so genau.

2 Antworten zu “Zeugnis von Leistung”

  1. 😍 Wow! Wie wundervoll! 🤩

    Ich finde es großartig, dass du deine Werte nicht nur dem Herzenskind vorlebst sondern sie an diesem Tag auch anderen zum Geschenk gemacht hast. Ihr gemeinsam.

    Es ist ja schon was Tolles, dem eigenen Kind zu vermitteln, dass Zensuren nicht alles sind – ein Schneeballsystem machen aber wohl die Wenigsten daraus … Wie vielen Kindern ihr an diesem Tag wohl etwas Mut ins Herz gepflanzt habt? 🥹

    Du lebst Empathie und Menschlichkeit vor – wie schön fürs Herzenskind, dass es dich hat. 🙏🫶

    Hab einen möglichst schönen Mittwoch! 🍀

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