Stabiler

Heute vor einem Jahr.

Wenn ich daran zurückdenke, an diesen Tag. Als ich nach wochenlangem Schlafmangel kaum noch klar denken konnte. Als ich nur noch eines wollte: Schlafen. Ruhe. Doch es war so viel Angst in mir. Und ich weinte bis zur kompletten Erschöpfung. Ich konnte nicht mehr aufhören.

Dann beschloss ich meine Hausärztin anzurufen und fragte, wie der Weg ist, wenn ich selbst in eine psychiatrische Klinik möchte. Nach nicht mal drei Stunden saß ich mit meinen beiden Herzmenschen in der Aufnahme der Klinik, nicht wissend, was mich erwarten würde. Ich habe selbst in einer Psychiatrie gearbeitet und hatte Vorstellungen, wie es in bestimmten Bereichen geregelt wird. Doch wusste ich nicht, wo genau ich hinkommen würde.

Heute habe ich mir das Foto angesehen, dass ich am Abend vor einem Jahr von mir aufnahm. Ich wollte festhalten, wie schlecht es mir ging, damit ich irgendwann einmal die Möglichkeit habe, darauf zu blicken und sagen zu können: Du hast es überstanden, obwohl Du in diesem Moment nicht daran geglaubt hast, dass es wirklich besser werden kann. Auf diesem Foto ist ein ganz anderer Mensch zu sehen. Es war zu der Zeit das erste Mal, dass ich über Nacht von meiner Familie getrennt war. Mein Herzenskind hatte bis dato keine Nacht ohne mich schlafen müssen. Ich war einerseits nervös und in Sorge, wie gut es mein Herzmensch verkraften würde, nachts vom Kindchen geweckt zu werden und hoffte auch sehr, dass es nicht zu dramatisch für den kleinen Menschen würde. Andererseits war meine Erschöpfung so wahnsinnig groß, dass ich den Alltag kaum bewältigt bekam und dringend eine Pause brauchte.

Ich zweifelte an mir. Ging hart mit mir ins Gericht. Dass ich nicht besser auf mich geachtet habe und es so weit kommen musste. Doch die Ruhe und Zeit für mich allein hat mir mehr Verständnis und Nachsicht für mich selbst gebracht, denn ich konnte schnell erkennen, dass ich stets versucht habe, gut für mich zu sorgen – im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten.

Zu dieser Zeit schwirrten meine Gedanken oft um das Thema Autismus, da mein Herzmensch kurz vor seiner Diagnostik stand. Bei all der Beobachtung sah ich auch unser Herzenskind immer deutlicher im Spektrum. Vieles erklärte sich in diesem Zusammenhang und ich kommunizierte meine Vermutung auch in den Arztgesprächen, als ich von unserer Familienkonstellation sprach. Denn immerhin verzogen sich einige Augenbrauen, als ich davon sprach, dass unser vierjähriges Kind ohne Kindergarten lebte und wir sogar noch stillten. Das Bild der besorgten und klammernden Glucke entstand dann letztlich noch unter dem Kontext, dass ja mein erster Sohn an Krebs verstarb. Ganz klar – diese Mutter kann nicht loslassen! Diese Mutter hat sich durch einen viel zu hohen Selbstanspruch und Verlustängste selbst in die Erschöpfung katapultiert. Ich konnte förmlich spüren, wie ungläubig mir begegnet wurde und ich hatte kaum Kraft, mich vollends zu erklären.

Knapp sechs Tage blieb ich in der Klinik. Ich verbrachte meinen Geburtstag dort. Dann war es klar und auch nötig, dass ich wieder nach Hause musste und mich ambulant stabilisieren wollte. Mein Herzmensch drohte nämlich ebenfalls an der Alleinzuständigkeit zu erschöpfen und wir wollten keinen Schlagabtausch in der Klinik heraufbeschwören. Ich ließ mich auf ein Antidepressivum einstellen und quartierte mich mit Kind für einige Zeit bei der Familie ein, um langsam das Medikament einzuschleichen und Verantwortungen aufzuteilen. Es war genau die richtige Entscheidung!

Ein Jahr später.

Vor einigen Tagen spürte ich noch einmal, wie wackelig diese Zeit zwischen den Geburtstagen meiner beiden Kinder ist. Es macht was mit mir und ich bin in dieser knappen Woche durchflutet von sämtlichen Gefühlen. Es ist wie ein inneres Feuerwerk, an dem ich ständig drohe zu verbrennen. Ich war in Sorge, dass ich es wieder nicht händeln könnte. Doch ich holte mir Unterstützung. Führte Gespräche. Sorgte für mich. Und ich habe mich dadurch stabilisieren können. So viel hat sich getan in diesem einen Jahr. Die Autismus-Diagnosen, etwas Unterstützung in der Betreuung unseres Kindes hin und wieder. Und drei Menschen, die sich weiterentwickelt haben. Die weiter miteinander und aneinander gewachsen sind. Mein Herzmensch und ich verstehen uns selbst immer besser und bringen auch für den anderen ein anderes Verständnis auf. Unser Herzenskind ist ein Jahr weiter, versteht vieles mehr, kann sich anders mitteilen und auch unsere persönlichen Grenzen sehen. Wir haben alle drei immer wieder Momente oder sogar komplette Tage, wo wir ständig Reibung untereinander erzeugen und der Haussegen schief hängt. Doch insgesamt können gerade wir Eltern zunehmend besser einschätzen, was wer gerade braucht.

Das Medikament habe ich nach einem halben Jahr wieder abgesetzt, da es mir keine Unterstützung mehr war. Das dazu gewonnene Gewicht und der Sprung zur nächsten Kleidergröße waren dabei wohl die sichtbarsten Nebenwirkungen. Für meine psychische Verfassung brachte es jedenfalls keinen Mehrwert.

Ich bin noch lange nicht so in Saft und Kraft, dass ich an das Leistungsniveau vor der Mutterschaft komme. Aber ich schätze, das ist ein ferner, wenn nicht sogar  unerreichbarer Zustand. Mit meiner Autismus-Diagnose kann ich mir selbst mehr eingestehen, dass ich dieses Niveau von damals auf keinen Fall mehr halten sollte – denn es hat mich einiges gekostet.  Zu wissen, dass ich schneller erschöpfe und diese Verantwortung für meine Familie bereits eine riesige Aufgabe für mich darstellt, lässt mich milde mit mir werden. Ich erlaube und nehme mir mehr Pausen. Ich wäge noch genauer ab, wofür meine Kräfte am Tag reichen – auch wenn dabei leider Abstriche gemacht werden müssen.

Es sortiert sich irgendwie alles nochmal neu. Und dabei ruckelt’s auch immer Mal wieder. Doch ich bekomme ganz langsam das Gefühl, dass es dabei für uns in eine gute Richtung geht und wir jeder für sich und auch als Familie die Fähigkeiten ausbauen, mit unseren Kräften gut zu jonglieren. Auch wenn wir noch etwas wackelig unterwegs sind – es wird mit jedem Schritt stabiler.