
Ich liebe mein Kind. Grenzenlos.
Doch ich komme regelmäßig an meine Grenzen.
Und meistens muss ich irgendwie darüber hinausgehen.
Die Grenzen verschwimmen hier so manches Mal. Vermischen sich. Da, wo einer nicht mehr/noch nicht kann, geht der andere noch ein Stück weiter.
Es gibt diese Tage, an denen ich bereits morgens nach dem Aufstehen kaum noch Energie habe. Entweder zieht es sich komplett durch den Tag oder ich erlange nochmal etwas Auftrieb. Diese Schwere in Kopf und Körper macht mir zu schaffen. Vor allem dann, wenn ich die meiste Zeit mit Herzenskind alleine bin. Wenn ich mehr leisten müsste, aber eigentlich gar nicht mehr kann. Meine Stimmung rutscht dann schnell in den Keller. Und so sehr ich mir immer wieder vornehme, es nicht so sehr nach Außen zu tragen und weiterhin friedvoll mit meinem Kind zu agieren – ich schaffe es oft noch nicht. Mein System will Ruhe und bekommt es nicht. Jedes Geräusch, jedes ‚Mama‘, jedes weitere To-Do bringt mich irgendwann auf die Palme. Überreizung ist hier das Stichwort. Overload mit Anlauf.
Wer kann da am wenigsten was dafür? Na klar, mein Herzenskind. Auch mein Herzmensch tut sein Bestes und jongliert mit all den Anforderungen – deswegen sollte auch er nicht die Zielscheibe für meinen Frust sein. Doch selbst wenn ich das weiß und ich mir das fest vornehme – meine Stimmung kippt. Wenn meine Grenzen kaum noch eingehalten werden können und die Erschöpfung mich fest im Griff hat, reagiere ich auf jede noch so kleine Anforderung ungehalten. Wenn ich es schaffe, zunächst tief zu atmen und erst danach zu reagieren, bin ich stolz auf mich. Gelingt mir nur leider (noch) nicht so häufig.
Ich will dieses ganze Schwere in mir dann einfach nur weghaben. Am besten sofort. Möge doch bitte die Energie, die Leichtigkeit und die Kreativität schnellstens wieder zurückkehren. Schön wär’s! Wenn der Akku annähernd leer ist, kann ich ihn nicht mit Gedanken aufladen. Ich brauche dann eigentlich wirklich Ruhe, Erholung und einen Ausgleich zur ständigen Verfügbarkeit. Wenn ich mir das nicht ermöglichen kann, geht’s immer weiter bergab mit der Stimmung.
Es ist komplex. Was da alles so in mir abläuft an Programmen. Bei aller Erschöpfung wünschte ich mir gleichzeitig, mir und vor allem meinem Kind etwas anderes – ja, mehr – bieten zu können. Doch oft fehlen die Menschen, die übernehmen könnten. Ich allein kann meinem Kind mittlerweile nicht mehr genügend Input bieten, wie noch vor zwei oder drei Jahren. Er will glücklicherweise mehr und mehr hinaus in die Welt, Erfahrungen sammeln – und das auch ohne mich. Das macht mich unendlich stolz. Er findet in seinem ganz eigenen Tempo in das Selbstvertrauen, verlässt hier und da den sicheren Hafen – und weiß, dass er immer wieder zurückkehren kann. Wir haben eine gute Bindung – und diese wird auch meine schweren Tagen aushalten.
Krass, wie mein eigener Anspruch an mich selbst mir immer wieder so viel Anspannung bereitet. Dass ich denke, ich müsste ständig richtig gut abliefern. Ich brauche scheinbar noch ein paar Runden, bis ich hoffentlich mal wirklich begriffen habe, dass ich ein Mensch und keine Maschine bin.
Ich bin auch ’nur‘ ein Mensch. Das hörte ich kürzlich wieder, als ich im Supermarkt an der Kasse stand. Oder auch im Gespräch mit vertrauten Menschen. Ein Satz, der so daher gesagt wird, um sich für vermeintliche Unzulänglichkeiten zu rechtfertigen. Aber ganz ehrlich? Nur ein Mensch? Können wir bitte mal anerkennen, wie komplex das Menschsein eigentlich ist? Dass es für viele schon extrem herausfordernd ist, dieses ganze Menschsein jeden Tag zu tragen? Gerade dann, wenn irgendetwas, das Menschen ausmacht, nicht rund läuft – weil man körperlich oder seelisch krank ist, weil man Behinderungen hat.. dann ist dieses Nur-Menschsein schon genug. Dieser Satz impliziert meines Erachtens nach bereits, dass man von Menschen Übermenschliches erwartet. Dieser Satz nützt niemandem. Wenn sich alle ihrer Komplexität, ihrer Fähigkeiten und gesunden Grenzen bewusst sind, braucht es diesen Satz nicht.
Zu meinen Herzenskind sage ich oft, dass ich ein Mensch bin und damit viele Grundbedürfnisse einhergehen, die jeder braucht, um gesund zu bleiben. Schlaf, gute Lebensmittel, Bewegung.. Ich versuche ihm zu zeigen, dass ich gewisse Dinge tun MUSS, damit es mir gut geht – wenn nicht, dann gerate ich ins Ungleichgewicht und werde auf lange Sicht krank. An Tagen, an denen mein Kind wieder mehr von Ängsten eingenommen ist und kaum alleine in einem Raum sein kann, ist es dann schon ein großer Reibungspunkt, wenn ich die Toilette aufsuchen muss – aber manches ist nicht verhandelbar.
Ich darf anerkennen, dass mich Mutterschaft und Care-Arbeit die meiste Zeit enorm auslastet. Wenn tatsächlich Raum für ‚mehr‘ frei wird, in mir und um mich herum, dann spüre ich das daran, dass es leicht läuft. Dann bin ich im Fluss mit dem Leben. Doch in diesem Lebensfluss gibt es eben auch mal engere Stellen, an denen es langsamer fließt. Es gibt Hindernisse, die den Fluss aufhalten und Dämme, an denen es sich staut. Es ist kein geradliniger Fluss. Dieses Leben ist schon so manches Mal eine Wildwasserbahn. Und dann fühlt es sich wieder an wie eine Paddelfahrt im ruhigen Gewässer.
Nur ein Mensch? Wie wäre es ohne ’nur‘? Das reicht doch eigentlich als Erklärung.
