Rechts. Links. Einen Schritt nach dem anderen. Unter meinen Schuhen knirscht die Erde des Feldwegs. Ich spüre die Unebenheiten und setze bewusst die Füße nacheinander auf den Boden, um mein Gleichgewicht zu halten. Dieses achtsame Gehen – es erinnert mich mit einmal an etwas.
Zwei Jahre ist es nun her. Als ich ausbrannte. Als nichts mehr ging. Außer weinen, vor lauter Müdigkeit und Erschöpfung. Als die Angst meine Wahrnehmung verschleierte. Wochenlang baute ich ein Schlafdefizit auf, das mich letztlich zu Boden riss. Weil Herzenskind noch einmal einen Entwicklungssprung machte und wenig schlief. Die Tage waren lang, die Nächte kurz. Rückblickend kann ich kaum fassen, mit wie wenig Schlaf dieser kleine Mensch auskam. Und ich sowieso. Trotz allem noch den Alltag aufrecht erhalten, den ganzen Mental Load, die ganze Fürsorge und Pflege. Der Laden lief. Irgendwie.

Irgendwann ging nichts mehr. Und ich zog die Reißleine. Fand den Weg in eine Klinik – um einfach nur zu schlafen. Das erste Mal über Nacht vom Herzenskind getrennt, nach vier Jahren. Die Sorge war groß, ob es klappt ohne mich. Doch meine Erschöpfung war größer. Sechs Tage später kam ich wieder nach Hause und sah, dass es ohne mich klappte. Irgendwie. Aber es kostete meinen Herzmenschen einiges. Ich richtete mich innerlich auf, unterstützte mich medikamentös und suchte weiter nach Unterstützung für unseren Alltag. So viel hatten wir bereits versucht – nichts passte so recht.
Dann kamen die Erkenntnisse: Herzmensch im Autismus-Spektrum. Die Vermutung, dass auch Herzenskind im Spektrum liegen könnte, verdichtete sich nach und nach. Ich machte Termine zur Diagnostik – für ihn und für mich. Es fanden sich Menschen, die etwas Entlastung im Alltag brachten: Spielfreundin vom Herzenskind und auch die Ergotherapie startete. Mein Blick wurde klarer, mein Herz weit – denn ich konnte kaum glauben, dass nach dieser langen Zeit endlich etwas Erleichterung zu spüren war. Die Medikamente setzte ich nach einem halben Jahr wieder ab. Eine Weile dauerte es, bis sich Herzenskind für alles so richtig begeistern konnte – vor allem im Winter war die Ablehnung groß. Doch wir blieben alle dran, gaben ihm Zeit, bauten Vertrauen auf, zeigten Verständnis. Immer wieder: Erklären, vermitteln.
Dann kamen die nächsten Erkenntnisse: Herzenskind im Autismus-Spektrum. Und ich auch. Beide mit dem zarten ADHS-Sahnehäubchen oben drauf. Wieder: Erleichterung. Endlich eine Erklärung für so ziemlich alles. Damit können wir „arbeiten“. Hilfen bekommen. Passende Wege ebnen.

Heute. Ein Jahr und drei Monate nach unseren Diagnosen. Der sechste Geburtstag vom Herzenskind liegt hinter uns. Wir drei? Erschöpft. Müde. Verkatert. Vier Tage verbrachten wir viel Zeit mit Besuch, spürten die freudige Anspannung bei allen wegen dem Geburtstag. Gefühle fuhren Achterbahn. Eindrücke ohne Ende. Heute, nach dem Abendessen, ging ich allein spazieren. Ich hatte nur meinen Hausschlüssel in der Tasche und ließ mich ganz bewusst auf meine Umgebung ein. Bestaunte wieder einmal die Natur um mich herum. Sah die dicken Regenwolken vorbeiziehen. Spürte den angenehm kühlen Wind im Gesicht. Mein Körper war unruhig, sehnte sich nach Bewegung. In den vergangenen beiden Tage nach dem Geburtstag fiel die Anspannung von mir ab und mein Körper quittierte mir diese eindrucksvolle Zeit mit Kopfschmerzen. Die Nächte waren wenig erholsam und es zog sich eine bleiernde Müdigkeit durch gestern und heute. Jeder brauchte Ruhe und wenig Anforderung. Viel Zeit vor Bildschirmen. Miteinander nebeneinander.
Was sich unterscheidet zu meiner Erschöpfung vor zwei Jahren? Ich nehme sie einfach an. Versuche nicht mehr zwingend etwas aufrechtzuerhalten, was ich nicht leisten kann. Natürlich würde ich mir immer wünschen, dass Bildschirme einen geringeren Anteil ausmachen – doch ich sehe, wie sehr sie uns entlasten, vor allem nach dieser umfangreichen Zeit mit anderen Menschen. Der soziale Akku ist ausgeschöpft. Unsere Nervensysteme brauchen Zeit, um das alles zu verarbeiten. Während ich vor zwei Jahren noch versuchte, Herzenskind irgendwie mit vor die Tür zu bewegen, lasse ich ihm und auch Herzmensch den Raum für das, was sie gerade brauchen – auch wenn wir alle wissen, dass eine Runde Bewegung an der frischen Luft sicher gesünder wäre. Doch statt darauf zu verzichten, stille ich mein Bedürfnis. So wie vor zwei Jahren, als ich morgens, mittags und abends eine Runde im anliegenden Wald der Klinik drehte – und es so sehr genoss. Das, genau das, lädt mich auf. Das, genau das, hilft mir die Sorgen aufzulösen, die immer wieder aufkommen. Ich gehe einfach los. Und lasse los. In mir wird alles weit und Ruhe kehrt ein.
Was haben wir alles gerockt. In den vergangenen Jahren. Und in den letzten Tagen. Da haben wir uns diese Erholung redlich verdient.
