Muss sich schon lohnen

Wenn ich schon mal da bin.

Das muss ich ausnutzen.

Das kann ich ja miteinander verbinden.

Es muss sich schon lohnen.


Mein rationaler Verstand hat mir schon bei einigen wichtigen Entscheidungen geholfen. Jene, die logisch und sinnvoll getroffen werden wollen. Es braucht oft im Leben ein Stückchen Vorausschau, ein bisschen sinnhaftes Abwägen, um nicht über die eigenen Verhältnisse zu leben.

Doch seit dem Tod meines ersten Kindes wurde ich im hohen Bogen in meine Gefühlswelt katapultiert, die von da an einen immer größeren Anteil in meiner Entscheidungsfindung einnahm. Das intensive Fühlen und das rationale Denken aufeinander abzustimmen, ist für mich manchmal ein Drahtseilakt – denn ein Teil von mir weiß, dass nicht alles aus einer Laune heraus entschieden werden kann – aber komplett abgeschnitten vom Fühlen und Erleben geht es für mich auch nicht so ganz.

Und so ertappe ich mich immer mal wieder darin, dass ich rein logische Entscheidungen treffe und mit meinem Verstand Pläne schmiede. Ich versuche Abläufe sinnvoll aufeinander abzustimmen. Ökonomisch aufzubauen. Beispielsweise möchte ich Wege sinnvoll miteinander verbinden: Wenn ich schon unterwegs bin, um einzukaufen, dann kann ich doch eigentlich direkt mehrere Wege erledigen, um dann nicht ein zweites Mal das Auto zu bewegen und mich dafür motivieren zu müssen. Eigentlich. Im Kopf macht das auch Sinn. Bin ich dann unterwegs, schlägt mein Körper, mein Nervensystem, irgendwann Alarm. Zu viele Eindrücke. Zu viele Reize. Dann komme ich in eine innere Zwickmühle, weil ein Teil in mir gerne noch eben mal schnell den zweiten Punkt auf der Liste abgehakt wissen möchte – aber ein anderer, großer Teil in mir dafür keinerlei Ressourcen mehr aufbringen kann. Um mich dann nicht völlig zu verausgaben und in ein emotionales Loch zu fallen nach dem Motto „Wieder nicht genug geschafft“, brauche ich einige Momente, mich in meiner Not abzuholen und mir gut zuzusprechen. Denn in den meisten Fällen ist ein Aufschieben gar nicht so schlimm, wie immer alle sagen. Ich lerne fortan, dass ich nicht ständig alles ordentlich und exakt auf dem schnellsten Wege abarbeiten muss – denn es besteht selten Gefahr, dass sich daraus ein Notstand ergibt. Vielleicht wird’s hier und da etwas ungemütlich, unbequem. Doch am Ende ist es ein Jonglieren mit den persönlichen Energien und Ressourcen, ein ständiges Abwägen, ob etwas noch heute oder eher morgen besser wäre.

So habe ich mich in der vergangenen Woche wieder dabei ertappt, wie die aktiven Anteile in mir auf Hochtouren liefen. Ich habe gemacht, getan und geschafft. Das fühlte sich großartig an. Ich war richtig im Flow. Und am Ende des Tages saß ich da: Erschöpft. Heißer Kopf. Verspannungen im Nacken. Mein Körper sprang mit Anlauf in eine Migräne rein. Ich ärgerte mich – gleichzeitig zur Freude darüber, dass ich Dinge abarbeiten konnte, die ich eine Weile aufschieben musste. Da wurde eine Energie in mir wach, die ich zwischenzeitlich kaum spüren konnte und so war ich beinahe in einem Rausch aus Aktivität. Doch ich durfte abends dann wieder schmerzhaft erkennen: Es war viel viel zu viel. Das, was ich einst als Standard im Alltag lebte, ist für mich mittlerweile und momentan kaum trag- und haltbar. Mein Körper zeigt mir klar und deutlich: Das war weit über meine gesunden Grenzen hinaus. Und genau an diesen Abenden wurde mir ein Stück weit mehr bewusst, dass ich meine eigene unsichtbare Behinderung noch nicht gänzlich akzeptiert habe. Dass ich phasenweise immer noch glaube, viel leisten zu müssen. Klar, dieses Gefühl ist wahnsinnig bestärkend, wenn ich darauf blicken kann, was ich so geschafft habe. Wenn die Wohnung wieder ordentlich und sauber ist, sich daraus ein Wohlbefinden ergibt, das mit dicken Staubflusen und muffiger Bettwäsche nicht spürbar war. Doch zu erkennen, dass diese Leistung, dieses Performen eine tiefe Erschöpfung mit sich bringt, hat mich in der vergangenen Woche nochmal sehr wach gerüttelt.


Das muss sich lohnen – geht es mir durch den Kopf. Jetzt. Hier im kurzen Urlaub. Na ja, was man eben Urlaub nennt. Mit zwei reizoffenen Nervensystemen wie von meinem Herzenskind und mir ist der Ausbruch aus dem Alltag nicht ganz so entspannend. Irgendwie wollen wir was erleben, was Neues entdecken. Ich möchte meinem Kind Abwechslung bieten, ein Stückchen die Welt zeigen. Und dann plant man. Eine Reise. Unterkunft. Ausflugsziele. Soll sich ja lohnen die weite Strecke, denkt man sich. Doch bereits eine lange Autofahrt über viele Stunden, gemeinsam auf engem Raum mit Gerüchen, Geräuschen, Lichtern – das ist bereits Anforderung für empfindsame Nervensysteme. Aber dann nochmal eben nach der Ankunft hier kurz was angucken, da etwas essen gehen, ein kleiner Einkauf, Appartement beziehen. Nächster Morgen: Frühstücken gehen, ins Aquarium. Viele Menschen, viele Sehenswürdigkeiten – unzählige Eindrücke, die verarbeitet werden wollen. Herzenskind nutzt eigene Strategien, um sich zu regulieren: Kopfhörer und Tablet, kurz in die eigene Welt versinken, um diese reizvollen Umgebungen zu bestehen.

Und da merke ich es: Ich wollte ihm was Neues zeigen. Eintritt bezahlt. Muss sich lohnen, denke ich mir für einen kurzen Augenblick.

Doch da meldet sich auch mein Körper, der ebenfalls auf die reizvolle Umgebung reagiert und zwischenzeitlich einfach nur einen ruhigen Ort braucht, um sich zu sammeln. Gar nicht so einfach in einem gut besuchten Museum. Statt meinem Herzenskind das Tablet wegzunehmen, erkenne ich an, dass dieser kleine Mensch da gerade eine Strategie für sich findet, diesen Ausflug zu bewältigen. Was die Menschen sehen? Ganz klar. Ich ignoriere weitestgehend die Blicke und das Kopfschütteln. Und ich spüre, wie klar ich innerlich werde, denn ich sehe mein Kind und bin stolz, wie gut er diesen Ausflug meistert. Wie toll er bei sich ist und ein Gefühl dafür hat, wann er Pausen braucht. Wann er seine Strategien nutzen möchte, um sich regulieren. Hätte ich ihm all das untersagt – weil mein rationaler Verstand natürlich alles ausschöpfen möchte aus dem Eintritt, den wir da bezahlt haben – wäre er mit Sicherheit auf schnellstem Weg in einen Meltdown geraten. Und das hätte ihn weitaus mehr gekostet, als mich das Ticket für ein Museum. Doch die emotionale und körperliche Erschöpfung kann leider nicht so rational und logisch aufgewogen werden, wie die sichtbaren Handlungen und Leistungen im Außen.

Am Abend dieses Ausfluges sitzen wir bei Verwandten daheim, um weitere drei Nächte in teils bekannter, größtenteils fremder Umgebung zu beginnen. Und als ich meinem Herzenskind so zusehe, wie er sich in seine vermeintlich kleine Welt aus Videos und Spielen vertieft, erfüllt mich Stolz und Demut. Denn dieser kleine Mensch findet einen Weg, mit neuen Umgebungen zurecht zu kommen und dabei seine Kräfte einzuteilen. Er kann das. Auf seine Weise. Und da darf ich wieder mal Vieles von ihm lernen, denn ich sorge da oft noch nicht/nicht mehr so gut für mich.

An diesem Abend spüre ich beim gemeinsamen Abendessen zu fünft am Tisch, dass mein Kopf heiß wird. Mein Zeichen: Bis hier hin und nicht weiter – sonst wird’s sehr unangenehm für mich. Ich ziehe mich mit Herzenskind zurück und kann für mich annehmen, dass Ruhe und Entspannung in diesem Moment wichtiger ist, als der Gedanke ‚muss sich schon lohnen, wenn wir hier sind‘.