Wiedergutmachen

Ich reflektiere mein Verhalten schon eine ganz schön lange Zeit meines jungen Lebens. Da ich mich stets an den Reaktionen im Außen orientierte und mein innerer Kompass darauf eingestellt war, möglichst alle um mich herum glücklich und zufrieden zu sehen, habe ich mein Verhalten entsprechend versucht danach auszurichten. Kürzlich laß ich auch noch mal, dass es vielen Menschen im Autismus-Spektrum so geht: Denn sobald sich ein Gegenüber entspannt, sozusagen ‚keine Gefahr‘ zu erkennen ist, kann auch der Mensch im Autismus-Spektrum entspannen. Klingt für mich nachvollziehbar. Gleichzeitig weiß ich aus eigener Erfahrung: Es ist hochgradig erschöpfend! Und es ist schier unmöglich, alle Menschen um einen herum stets zufrieden zu sehen und eine viel zu große Verantwortung, jeden glücklich machen zu wollen.

In den vergangenen Jahren schäle ich mich Stück für Stück aus diesem Mechanismus heraus. Gar nicht so leicht.

Wenn man mit dieser Veranlagung Beziehungen eingeht und eine Familie gründet, kommt man schnell an seine Grenzen. Dann wird von glücklicher Kindheit gesprochen oder solche Redewendungen wie Happy wife, Happy Life scherzhaft erwähnt. Und mein Kopf? Der nimmt das wort-wörtlich. Da werden innerlich die Ärmel hochkrempelt und das  Projekt Glückliche Kindheit voller Tatendrang und Überzeugung umgesetzt. Nur wie? Ich meine, selten war ich eine wirklich dauerhafte Happy wife und somit wohl auch keine Happy mother. Meine erste Erfahrung als Mutter war – wie die meisten Mutterschaften- nicht nur  happypappy. Nein, sie war mit einem krebskranken Kind eine Grenzerfahrung. Eine Grenzerfahrung für meine Vorstellungen von glücklicher Kindheit, für meine Überzeugungen und für meine emotionalen sowie körperlichen Kräfte.

Ich sah mir gestern Videos meines Himmelskindes an, denn ich wollte diese zarte Stimme mal wieder hören. Und irgendwie schaute ich diese Videos anders an. Bewusster. Mit einem anderen Blick. Mit dem Blick einer Mutter, die zehn Jahre nach dem Tod dieses kleinen Menschen eine ähnliche Erschöpfung spürt – durch dauerhafte Verfügbarkeit und Pflege, fast wie damals, aber doch anders. So betrachte ich also nicht nur mein Himmelskind auf diesen Videos – nein, auch mich. Auf den meisten Aufnahmen bin auch ich zu sehen, denn ich war die meiste Zeit bei meinem Kind und weil der Papa glücklicherweise häufiger dazu kam, Fotos und Videos zu machen – wofür ich sehr dankbar bin. Und so blicke ich mit den Erfahrungen der vergangenen Jahre und den aktuellen Gefühlen im Gepäck auf diese junge Frau, die damals irgendwie funktionierte, irgendwie eine gute Mutter und Partnerin sein wollte; die noch nichts von ihrer Autismus-Spektrum-Störung und ADHS wusste und wiederkehrend inneren Kämpfen ausgesetzt war. Ich sehe, wie sie mal einen Moment nicht ganz aufmerksam war oder etwas sagte, bei dem ich heute für einen Moment den Kopf schüttele. Kann ich nachsichtig mit mir sein? Nur bedingt. Es macht mich traurig. Allem voran für mein Kind und für seinen Papa.

Als ich später beim Abendessen sitze, im hier und jetzt, gehen mir diese Momentaufnahmen meiner Vergangenheit durch den Kopf. Ich schaue meine beiden Herzmenschen an, die mir das Leben geschenkt hat – nach all dem, was ich mit meinem Himmelskind und seinem Vater erlebt habe. Mir wird bewusst, dass ich damals auch mal unfair war, nicht ganz aufmerksam und mit dieser Aufgabe maximal ausgelastet – obwohl ich mir dort noch mehr Verantwortung neben diesem Alltag auftrug. Wäre ich eine andere Mutter gewesen, hätte ich all das über mich schon gewusst, was ich heute weiß? Ich kann nur spekulieren. Und dann wird mir klar: Ich kann das alles nicht mehr wiedergutmachen, was ich damals tat. Mein Kind ist tot. Zu seinem Vater keine Verbindung mehr – aus vielen Gründen. Ich beginne zu weinen. Erzähle meinem Herzmensch davon und gestehe wieder ein, wie unfair ich auch heute oft noch bin. Wie komisch ich meine Wahrnehmung finde und ob ich darauf überhaupt vertrauen kann – auch wenn ich über meine Vergangenheit nachdenke. In jenem Moment spüre ich tiefe Reue und große Scham, weil mir alles so unendlich Leid tut, was ich in meinen Zeiten als pflegende Mutter nicht gut hinbekam.

Ich stelle mir die Frage, ob man überhaupt etwas wieder gut machen kann. Herzmensch entgegnet, dass ich nichts wieder gut machen muss: Da gibt’s nicht wiedergutzumachen. … Ich komme gedanklich nicht weiter und fühle das einfach mal zu Ende, was sich da zeigt. Ich schätze, es war eine kleine Erinnerung daran, dass ich aus all dem Vergangenen, aus all den Fehlern, etwas lernen darf. Dass ich immer wieder nachsichtig mit mir sein darf – denn ich bin ein Mensch. Unvollkommen. Lerne stetig dazu – und aus den Fehlern wohl am meisten. Es darf gleichzeitig da sein – die Traurigkeit über Vergangenes, das in meiner Wahrnehmung gerne anders hätte laufen dürfen und die Zuversicht, es jetzt und künftig irgendwie anders, irgendwie besser machen zu können. Doch dabei auch immer mal wieder zu überprüfen, ob mein Anspruch an mich auch wirklich realistisch ist.

Schon erstaunlich, was sich nach zehn Jahren noch so zeigen will. Aber das Leben versteht man scheinbar ganz gut rückwärts, um es dann vorwärts zu leben.