
Mir war schon bewusst, dass viele Familien täglich ein ordentliches Pensum haben. Und immer wieder erinnere ich mich selbst daran, dass Nervensysteme verschieden sind. Dass jeder kleine und große Mensch mit den Eindrücken des Tages unterschiedlich umgeht und sie verarbeitet. Schon lange ist mir bewusst, dass wir mit Herzenskind einen Alltag leben, der andere vermutlich unterfordern würde oder nur zu bestimmten, vorgegebenen, freien Zeiten wie im Urlaub und Ferien möglich ist.
Nun tasten wir uns da seit einigen Monaten Stück für Stück heran. Eine Vollzeit-Schulwoche ist noch nicht denkbar und ich bleibe offen, wie Herzenskind das weiter so bewerkstelligen wird. Auch Verabredungen mit seinen Freunden hatten wir bislang mit genügend Verschnaufpause und Regenerationszeit dazwischen vereinbart. Hier wurde einfach immer viel Raum für Ruhe und Reizverarbeitung nach Ausflügen und sozialem Miteinander eingebaut – weil unsere Nervensysteme das brauchen. Dann reicht es bereits, dass wir drei den Alltag miteinander teilen.
In der vergangenen Woche hatten wir täglich Kontakt mit Menschen, mit denen wir nicht den Alltag teilen. Ob Schule, Termine, Verabredungen – stets waren da Anforderungen und Erwartungen, die eine gewisse Anpassung und somit auch Anstrengung erforderten. Während ich mein eigenes Nervensystem stets und ständig im Blick haben musste, brauchte Herzenskind entsprechend auch Begleitung. Ich habe oft nicht nur meine Erschöpfung überwinden müssen, sondern auch den kleinen Menschen irgendwie davon überzeugen dürfen, seine inneren Widerstände zu überlisten.
Ich muss nicht erklären, wie wahnsinnig krass das ist. Die Überschrift dieses Beitrags lässt bereits vermuten, dass hier das Maß ziemlich voll ist.
Hier fehlte in der letzten Zeit ausreichend Raum für Ruhe und Rückzug. Und während ich das schreibe, weiß ich, wie schwer nachvollziehbar das für Menschen sein muss, die dieses Pensum über sehr lange Zeit und dauerhaft halten (müssen/wollen/können). Ein kleiner Teil in mir zweifelt dann natürlich auch an meiner Belastbarkeit und denkt sich kurz „Ich stelle mich nur an – andere müssen da auch durch“.
Aber.
Das kann mir tatsächlich egal sein. Wenn ich ständig nur daran denke, wie krass das alle anderen wuppen – dann kann ich nur verlieren. Viel mehr darf ich selbst anerkennen, dass ich meine Erschöpfung immer noch irgendwie überwinde, um meinem Kind das Leben außerhalb der eigenen vier Wände zu zeigen. Und dass nicht nur mein, sondern eben auch sein System danach mehr Ruhe braucht – was wir uns absolut erlauben dürfen.
Und so liege ich hier auf dem Sofa. Nach einem Morgen, an dem ich Herzenskind bei einem Schulausflug begleitete und wieder miterlebte, wie sehr ihn das herausfordert. Ich bin stolz, mich bei der Lehrkraft dafür eingesetzt zu haben, dass wir mit eigenem Auto anreisen und so die aufregende Busfahrt umgehen konnten. Wir hatten die Freiheit, jeder Zeit gehen zu können, wenn es Herzenskind zu viel geworden wäre. Es war anstrengend für ihn – sichtbar und hörbar. Ich hatte ihn dauerhaft im Blick, um rechtzeitig Pause und Rückzug einzubauen. Doch irgendwann war sein Fass voll und lief über – für mich absolut verständlich, in dem Kontext. Ich fuhr mit ihm etwas früher nach Hause und war stolz auf uns, dass wir daran teilgenommen haben.
Doch das Danach bleibt unsichtbar für die Menschen in der Schule.
Die tiefe Erschöpfung.
Die körperlichen Schmerzen.
Bis unsere Systeme wieder akklimatisiert sind, braucht es eine Weile. Jeder tut dann erstmal das, was er für sein Wohlbefinden braucht. Ich genieße gerade das gleichmäßige Rauschen des Klimagerätes, das unsere Dachwohnung kühlt und die Geräusche der Straße abdämpft. Heute will ich nur noch die Menschen sehen und hören, die in meinem Haushalt leben.

Eine Antwort zu “Mit Anlauf in den Overload”
Tatsächlich kann ich mir den Ausflug ansatzweise vorstellen. Mein Töchting hat die gesamte Schulzeit auf dem Beobachtungsposten gesessen und das Geschehen aus der Ferne betrachtet. Stuhlkreis – auf keinen Fall. Ausflüge waren auch nur zusammen mit einer vertrauten Person möglich, meist mindestens 10m Abstand von den anderen. Heute noch ist ihr Zimmer ihr Rückzugsort und wenn sie heim kommt, gibt es einen ‚Einkehrschwung’ und sie sitzt mit dem Rücken zur Tür an ihrem Schreibtisch.
Ganz arg liebe Grüße und möglichst wenige Reize, piri
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