10459

Als heute die Nachricht der Nachbarsmama mit der Anfrage kam, ob der ältere der beiden Jungen zum Spielen herüber kommen könnte, sagte ich direkt für mein Herzenskind zu. Denn der freut sich, wenn einer seiner Freunde Zeit mit ihm verbringen möchte. Eine Bedingung stellte die Mama und die berücksichtigte ich.

Da Herzmensch im Nachtdienstmodus steckt, überlegte ich diesen schönen Spätsommer-Herbstanfangstag mit den beiden Jungen draußen zu verbringen – so mussten wir keine Rücksicht auf die Ruhezeiten von Herzmensch nehmen. Ich plante, mit den beiden im Lastenrad zum Wald zu fahren. Beide Kinder waren begeistert von der Idee. Proviant eingepackt. Eine große Dose verstaut, in der kleine Waldschätze gesammelt werden konnten. Und so fuhren wir gegen 14:15 Uhr Richtung Wald.

Dort drehten wir eine ordentliche Runde zu Fuß. Sammelten etliche kleine Schätze. Machten immer wieder eine kurze Rast und stärkten uns. Die beiden Jungs hatten ihren Spaß und ich feierte mein Herzenskind dafür, dass er zeitweise barfuß auf dem Waldboden lief (Erdung!). Nach zwei Stunden im Wald huschten wir drei noch flott über die Straße zum gegenüberliegenden Spielplatz. Wir verweilten auch dort noch etwas, ehe sich allmählich eine leichte Erschöpfung bei uns bemerkbar machte. So ganz beenden wollten die beiden Freunde den schönen Nachmittag noch nicht – wobei ich deutlich sah, dass sie nach drei Stunden miteinander doch den Feierabend einläuten könnten. Als wir schließlich wieder daheim vorfuhren, einigten sie sich mit dem kleinen Bruder auf ein Spiel zu dritt. Während ich alles auspackte, das Fahrrad verstaute und das Abendessen langsam vorbereitete, spielte Herzenskind tatsächlich noch eine knappe Stunde mit den beiden Nachbarsbrüdern im Garten. Irgendwann holte ich ihn zum Abendessen und sah ihn erschöpft am Boden neben den schaukelnden Brüdern sitzen. Der Übergang fiel ihm deutlich einfacher, als eine Stunde zuvor. Ich sah an seinem leuchtend roten Gesicht, dass sein System heiß gelaufen war. Die Erschöpfung siegte und ließ mein Herzenskind ohne Widerstände mit nach Hause kommen.

Worte fielen karg aus. Der kleine Körper konnte gerade noch so die Treppe bewältigen. Kurz verglichen wir unsere neueste Anschaffung: Wieviele Schritte wohl auf unseren Schrittzählern standen? Dieses kleine Teil, ohne großen Schnickschnack, funktioniert nun als Verstärker und Herzenskind findet es spannend, wieviele Schritte er täglich macht. Und siehe da: 10459 Schritte hatte der kleine Mensch bewältigt. Seit Beginn der Aufzeichnung hat er sich damit selbst ordentlich übertroffen.

Drei Stunden verbrachte Herzenskind mit seinem Freund. Eine Stunde mit zwei Kindern. Das Ende dieses Nachmittags: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Ein kleiner Mensch der von all den Eindrücken eine körperliche Quittung erhält. So ergeht es ihm oft. Wenn viele Menschen um ihn herum waren. Viel Interaktion stattfand. Ihn so zu sehen, bricht mir jedes Mal das Herz – denn er tut mir so unwahrscheinlich Leid, wenn er von Kopfschmerzen und Übelkeit gebeutelt ist (kenne ich es zu genüge von mir selbst).

Das ist die Konsequenz von so einem Nachmittag. Eine schöne Zeit endet für ihn oft auf diese Weise. Man könnte meinen, er muss das nur öfter machen, dann gewöhnt er sich schon daran. Immerhin ging es den Nachbarskindern doch auch noch gut – weil sie an all das gewohnt sind. Aber Nervensysteme sind verschieden. Das grundsätzlich hohe Ruhebedürfnis fordert sich Herzenskind ganz alleine ein. Wenn er kann, ist er für solche Aktivitäten wie heute, total zu begeistern. Dann hat er ein paar Löffel mehr parat – weil er im Vorfeld genügend Zeit zum Auffüllen hatte. Jeden Tag, fünf Tage die Woche könnte ich ihm dieses Pensum nicht zumuten – er würde mit Anlauf ins Burnout springen. Und dass sich an diesem Punkt die Behinderung zeigt, die mit Autismus-Spektrum einhergehen kann, wird mir besonders deutlich, sobald wir mit seinen Freunden Zeit verbringen, die das Standard-Pensum für Kinder erfüllen – denn die fallen nach so einem Nachmittag nicht zutiefst erschöpft um.

Nun sitze ich im abgedunkelten Wohnzimmer neben meinem vor großer Erschöpfung eingeschlafenen Kind, resümiere den Nachmittag und bin stolz auf ihn, dass er das heute alles so mitgemacht hat – auch wenn diese vielen Eindrücke ihn gerne weniger in die Knie hätten zwingen dürfen. Die Löffel dürfen jetzt erstmal wieder aufgefüllt werden.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.