
Nicht nur Herzenskind hatte in der vergangenen Woche hin und wieder Kopfschmerzen. Auch ich jongliere seit drei Tagen mal wieder Schmerzen am Kopf, die ich mit allerlei Hausmittelchen zu lindern versuche. Den Ursprung des Schmerzes habe ich ausfindig gemacht und sehe auch die mentalen Themen, die damit in Verbindung stehen. Irgendwas von „Ich muss nachts noch viel durchkauen“ bis hin zu „alles nicht zu verbissen sehen“.
Mein System wünscht sich im Grunde schon immer Ruhe und Dunkelheit, sobald mich Kopfschmerzen plagen. Irgendwie hangele ich mich dann durch den Tag, wenn ich diesem Bedürfnis nicht nachgehen kann.
Als ich einige Male nun neben Herzenskind saß, der von Kopfschmerzen sowie Übelkeit geplagt war und meine Unterstützung dabei benötigte, fiel mir eine Verbindung aus der Vergangenheit ein.
Der Kontext ein anderer, als jetzt. Eine erwachsene Frau lag da in diesem 90x200cm Bett des Schwesternwohnheims. Ein kleines Zimmer, gerade mal ausreichend für einen Menschen. Auch sie war öfter von Kopfschmerzen betroffen und hatte an jenem späten Nachmittag nach dem gemeinsamen Schulblock unserer Ausbildung damit zu tun. Ich schaute, dass sie alles hatte, was sie brauchte: Etwas Kühles am Kopf, ein Schmerzmittel, genug zu trinken. Sie wollte, dass ich bleibe. Ich wollte lieber gehen, um sie schlafen zu lassen und versicherte ihr, wieder zu kommen, wenn es schlimmer geworden wäre. Auch ich war an jenem Tag von der Zeit in der Krankenpflegeschule erschöpft und sehnte mein eigenes Bett daheim herbei. So sehr ich sie auch mochte: Zu zweit in einem schmalen Bett zu liegen, während wir beide von Beschwerden geplagt waren, machte für mich in jenem Moment keinen Sinn.
Jede von uns hatte scheinbar eine andere Sprache der Liebe – denn während sie meine Fürsorge an der dauerhaften Präsenz maß, war ich in der Annahme, dass ich ihr einen größeren Gefallen täte, wenn ich ihr Ruhe und Schlaf ermöglichte. Doch ich ging dabei von meinem Empfinden aus, wenn ich Kopfschmerzen hatte. Nicht von ihrem. Es reihten sich mehrere Situationen nachfolgend hinzu, in denen unsere Bedürfnisse und Sichtweisen kollidierten. Später warf sie mir aus sämtlichen weiteren Beweggründen Narzissmus vor. Und ich verstand die Welt nicht mehr.
Ich habe keine Schwierigkeiten damit, mich für andere zurück zu nehmen. Meine Bedürfnisse für eine Zeit hinten an zu stellen. Doch im Grunde lässt sich das nicht pauschalisieren. Es bedarf einer Betrachtung vom Kontext. Dass mir diese Situation aus der Vergangenheit einfiel, während ich neben meinem schmerzgeplagten, siebenjährigen Kind saß, verwunderte mich zunächst. Manchmal verknüpft mein Gehirn eben die kleinsten Verbindungspunkte. In beiden Situationen war meine Präsenz gewünscht – aber für mein Empfinden nur in einer davon wirklich erforderlich. Mein Kind benötigt noch mehr Fürsorge und Unterstützung in solchen Momenten, als meine erwachsene Freundin von damals, die trotz Schmerzen noch gut in der Lage war, für sich zu sorgen. Ihre Gründe für meine Präsenz waren andere, wenn auch im Kern ähnliche Bedürfnisse dahinter steckten. Für mein Kind bin ich die Mutter, für meine Freundin war ich eine Freundin. Mit den Erkenntnissen und Sichtweisen von heute, hätte ich mich vielleicht anders verhalten – hätte andere Fragen gestellt und andere Worte gewählt. Doch ich wäre dabei geblieben: Ich wäre an jenem Abend gegangen und hätte sie schlafen lassen. Ich hätte nicht den Abend auf dem harten Stuhl neben ihr verbracht, mucksmäuschenstill und jede kleinste Bewegung abwägend, während ich selbst vor lauter Erschöpfung vom Tag dringend schlafen musste. Doch das Gefühl, mich in diesem Moment, nach ihrem Empfinden, verkehrt verhalten zu haben, beschäftigt mich so nachhaltig, dass es mir 17 Jahre später noch einmal präsent wird.
Und vielleicht liegt da eine wiederkehrende Ambivalenz von mir verborgen: Wie kann ich die Bedürfnisse anderer und meine eigenen Bedürfnisse gut aufeinander abstimmen? Es geht nicht immer glatt. Es geht nicht immer zur gleichzeitigen Zufriedenheit aller. Irgendjemand muss immer zurückstecken. Doch wie weit kann jemand zurückstecken, bis er selbst in Not gerät? Aus einem leeren Fass lässt sich bekanntlich nichts schöpfen.
Nach dieser Situation mit der Freundin folgten über die Jahre noch viele Phasen, in denen mich diese Ambivalenz einholte. Vor allem im Kontext von Mutterschaft, insbesondere pflegender Mutterschaft, war (und ist) es für mich besonders herausfordernd, meinen eigenen und den Bedürfnissen meines Kindes und meines Partners gerecht zu werden. Es ist für mich erfüllend und manchmal erdrückend zugleich, für andere zu sorgen. Denn ich weiß, dass irgendjemand immer auf der Strecke bleibt – und hoffe, dass die Verbindung es halten kann. Denn manche Verbindungen in der Vergangenheit haben es nicht.
