Worte und Taten, Ausreden und Gründe

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Du warst/bist immer für alle da.“ Diese Worte wurden mir häufig gesagt. Und selten habe ich mich damit wirklich identifizieren können.

Denn was habe ich schon groß getan? Immer wieder versuchte ich messbare Beispiele dafür zu finden, wo ich wirklich etwas Gutes für andere tat. Oft stand ich zur Seite. Hörte zu. Ermöglichte neue Blickwinkel auf Herausforderungen, denen andere gerade gegenüber standen. Im Grunde kam ich oft einer Beratertätigkeit nahe. Und natürlich packte ich auch mit an, wenn ich konnte. Davor habe ich mich selten gescheut. Vermute ich. Aus der Sicht anderer Menschen könnte das anders aussehen – denn vielleicht war es trotzdem nicht genug oder gar zu viel, was ich tat.

Schon seit einigen Wochen beschäftigt mich dieses Thema: Worte und Taten. Mir geht immer wieder sinngemäß durch den Kopf: Taten zählen mehr als Worte. Mit Worten kann ich ganz gut. Aber stimmen sie auch mit meinen Taten überein? Ist ein gesprochenes Wort auch eine Handlung, wenn jemand ein Gespräch mit mir sucht? Wiegen achtsame Worte überhaupt, wenn mir nicht nur sprichwörtlich die Hände gebunden sind, wahrhaftig mit anzupacken?

So komme ich ohnehin dazu, über Ausreden und Gründe nachzudenken. Warum es mir manchmal nicht möglich ist, sichtbare und spürbare Dinge für andere zu tun. Verstecke ich mich hinter Erklärungen, weil im Kern eigentlich ein fehlender Wille verborgen liegt?


Heute morgen wurde ich mit diesen Gedanken in einer Messenger-Gruppe erneut konfrontiert. Eine Bekannte eröffnet eine freie Schule und hat sämtliche Kontakte in einer Gruppe vereint, um die Chance zu erhöhen, tatkräftige Unterstützung für Renovierung und Herrichtung des Gebäudes im Boot zu wissen. Wochenlang sah ich nun Hilfegesuche im Gruppenchat. Es fanden sich Helfer – aber von knapp 100 Kontakten in der Gruppe halfen offenbar immer nur eine Hand voll Menschen.

Ich wog innerlich immer wieder ab, ob ich es irgendwie einrichten könnte, mitzuhelfen – und seien es noch so einfache Gesten wie Versorgung mit Lebensmitteln für die Helfer. Ich scheue mich nicht davor. Ganz im Gegenteil – ich finde es erfüllend, mit anderen an so etwas zu wirken und zu sehen, was viele Hände gemeinsam schaffen können.

Und doch sehe ich gleichzeitig meine Ressourcen, die mittlerweile nach vermeintlich harmlosen Aktivitäten am Limit kratzen. Natürlich – meine Bekannte mit zwei kleinen Kindern geht für ihren Traum irre auf dem Zahnfleisch und auch andere Familien in dieser Gruppe haben ihre persönlichen Gründe und Struggles. Da komme ich dann in meine innere Zwickmühle: Mache ich es mir zu leicht? Müsste ich mich nur etwas mehr zusammenreißen – denn andere können es doch immerhin auch? Ich spüre so stark die Diskrepanz zwischen Kopf und Körper. Ich spüre, dass der Schutz meiner persönlichen Kräfte ausgeprägter ist, als noch vor 15 oder 20 Jahren – denn ich trage die Konsequenzen, wenn ich ständig über mich drüber gehe und Raubbau betreibe. Nicht mal mit der Bewältigung meines eigenes Alltags komme ich zufriedenstellend hinterher. Das könnte man als Ausrede betrachten. Oder aber eben als triftigen, vielleicht sogar nachvollziehbaren Grund.

Ich haderte wochenlang mit mir, ob ich noch in der Gruppe bleiben wollte – immerhin hatte meine Bekannte mich dazu eingeladen und ich empfand es als unfreundlich, die Gruppe einfach so zu verlassen. Heute morgen habe ich die Gruppe schließlich verlassen. Denn ich habe für mich eingesehen: Ich bin kein aktiver, gestaltender Teil dieses Projektes. Sämtliche Überlegungen, wie ich unterstützend wirken kann, verlaufen aufgrund persönlicher, limitierter Ressourcen im Sande. Und ich darf mich in den kommenden eineinhalb Wochen mit unserer eigenen Schulthematik befassen – denn für Herzenskind beginnt das nächste Schuljahr mit neuer Klassenkonstellation. Viel Ungewissheit liegt im Raum. Ich versuche ihn vorzubereiten und vor allem zu bestärken – was mehr Raum benötigt, als bei Kindern, die sich auf den kommenden Abschnitt inbrünstig freuen.

Als stehe ich wiederkehrend vor der Frage: Wo schicke ich meine Energie hin? Wofür ist noch etwas da – über den eigenen Alltag hinaus? Mein Kopf malt sich das in der Theorie federleicht aus – nach dem Motto: „Alles ist möglich! Du musst es nur versuchen!“ Doch wenn ich aus meinen Erfahrungen etwas gelernt habe, als ich über meinen Familienalltag hinaus für andere präsent sein wollte – dann, dass immer irgendwo etwas auf der Strecke bleibt, was für mich ebenfalls wichtig ist. Und das ist in dem Fall meine kleine Familie.

Hast Du Gedanken dazu? Schreib doch gerne einen Kommentar.