Ich merke es wieder. Wie die Programme anspringen. Wie ich mich für meine ganzen Gefühle und Gedanken schäme. Will ich doch nicht immerzu für Drama sorgen. Will es doch anderen nicht unnötig schwer machen. Denn eigentlich ist doch alles gut. Sage ich mir dann auch. Um mich selbst zu beschwichtigen. Spoiler: Hilft nur bedingt.
Denn warum bin ich dann ständig gereizt? Warum reagiere ich genervt? Warum ist meine Stimmung eher knietief?
…
Ich saß heute Nachmittag auf der Bank an der großen Wiese gegenüber meines Zuhauses. Von dort aus kann ich das Haus sogar sehen. Aber: Mit Abstand. Und genau das brauchte ich heute. Raus aus den vier Wänden. Nur ich, mit mir allein. In meiner Jackentasche nur mein Hausschlüssel, nix weiter. Die Sonne durfte ihre Arbeit machen: Stimmung aufhellen, bitte!
Ich blickte auf die große Wiese, die sich im Sonnenlicht in einem saftigen Grün präsentierte. Überall schwirrten Fliegen, Bienen, Hummeln und sogar vereinzelt Schmetterlinge umher. Auch einige Vögel konnte ich hören und sehen. Der Wind wehte frisch um meinem Kopf. Zwischenzeitlich schloss ich die Augen und ließ die Naturgeräusche auf mich wirken.
Und dann kam er. Der Moment, in dem mir etwas klar wurde: Stille. Ruhe. Es war selten in den vergangenen Wochen. Ich spürte, wie ich diesen Moment richtig in im mir aufnahm. Wie ich mir wünschte, diese Stille, diese Ruhe in mir spüren zu können. Denn mein System ist komplett drüber, auf mehr-als-Anschlag.
Ferienzeit wollte genutzt werden. Langersehnte Besuche wurden geplant. Herzenskind und ich verreisten mit Zug, einige Tage bei einem Teil der Familie waren vorgesehen. Da war Freude und Unruhe zugleich in mir: Wo ich an einigen Stellen mal aufatmen und aufteilen kann, reiht sich parallel die innere Anspannung hinzu, die durch veränderten Alltag, permanente Gesellschaft und vor allem die Anforderungen von Reisen mit dem Zug entsteht.
Nach einigen Tagen ging es dann wieder zurück. Herzenskind begann einen Tag nach Heimkehr zu schwächeln und der nächste Familienbesuch bei uns kündigte sich für den darauffolgenden Tag an. Schnell zeigte sich: Der kleine Mann war arg angeschlagen (Nase voll? Zu viel aufgehalst?) – und dazu noch Wackelzähne. Wieviel kann ein kleiner Mensch gleichzeitig verarbeiten? Besonders körperliche Beschwerden nehmen viel Raum ein und mir wird dann schnell bewusst: Anforderungen niedrig halten. Die dauerhafte Begleitung Tag und Nacht nimmt in solchen Phasen wieder intensive Ausmaße an und kratzt an meiner Verfassung.
Heute. Als ich so in der Stille mit mir allein auf der Bank saß, wurde mir deutlich, was uns das alles gekostet hat. Unsere Stimmungen heizten sich gegenseitig auf; es fielen Worte, die wir beide später entschuldigten. Eine Glanzleistung als Mutter habe ich leider nicht abgelegt. Doch ich blicke auch zunehmend anders drauf: Mein System hat irre und wieder besonders viel geleistet in den letzten vierzehn Tagen. Da war viel Anpassung in unterschiedlichen Situationen gefragt. Sicherheit in Ungewissheit für mich finden und für Herzenskind halten. Heute konnte ich anerkennen: Es war viel. Die Rechnung ging, trotz Unterstützung an der einen oder anderen Stelle, am Ende für mich nicht ganz auf. Mein System schrieb leider rote Zahlen. Merke ich an meiner Stimmung, an meiner Geduld. Weil: System ist maximal überreizt. System will und braucht Ruhe. Am besten Alleinzeit. Keine Ansprache, keine Anforderung, keine Erwartung. Kein Schau mal, kein Mama, keine Fragen von Herzmensch.
Früher fühlte ich mich meinen Mitmenschen gegenüber schlecht, fühlte mich verkehrt – weil ich dachte, ich hätte etwas gegen sie, wenn mir ihre Gegenwart zu viel wurde. Heute weiß ich: Es liegt nicht an den Menschen in Person. Es geht um die pure Anwesenheit anderer Menschen, mit all den unausgesprochenen und gesagten Erwartungen und Anforderungen. Jeder Mensch bringt Reize mit. Und diese sind mir in Phasen von Nervensystem-Overload zu viel. Da geht dann nix mehr rein. Dann will mein System nur noch Ruhe. Dann brauche ich Zeit mit mir allein, um wieder bei mir anzukommen. Denn sonst kommt das Drama – weil das Fass überläuft. Bevor andere davon ebenfalls Schaden abbekommen, muss ich allein sein.
Während ich mich früher deswegen schlecht und verkehrt fühlte, kann ich es jetzt immer besser annehmen und als einen Teil von mir akzeptieren. Alleinzeit ist meine Selbstfürsorge und so zwingend notwendig für meine seelische Gesundheit. Finde ich sie dann noch in Natur und einer ruhigen Umgebung, kann ich mich gut aufladen.
